Sonntag, 12. November 2017

"Diese völkischen Religionsdilettanten"

Ein angesehener katholischer Schriftsteller im Februar 1932 über die "Religionsknetereien" der "arischen Christen" der NSDAP und die von ihm so empfundene "Ehrlichkeit" des Hauses Ludendorff diesen gegenüber

Die österreichische Hauptstadt Wien war und ist bis heute ein Zentrum des politischen Katholizismus. Dort kann man, fest und ruhig im "rechten Glauben" wurzelnd, seinen Blick gerne einmal schweifen lassen über die unruhigen Zeiten hinweg. So tat dies im Februar 1932 einer der führenden katholischen Publizisten seiner Zeit, der auch die Achtung politischer und weltanschaulicher Gegner genossen habe - wie mit einem gewissen Respekt vermerkt wird (Wien-Wiki), nämlich Joseph Eberle (Pseudonym Edgar Mühlen) (1884-1947) (Wiki). Dieser war Schriftleiter der Zeitschrift "Das Neue Reich - Christlichsoziale Wochenschrift für Kultur, Politik und Volkswirtschaft", eine Zeitschrift, die zwischen 1918 und 1938 in Wien erschienen ist, und die den größten Teil ihrer Leserschaft im katholischen Teil des Deutschen Reiches fand.

Abb. 1: Spruchkarte der NSDAP
Eberle war ein katholischer Antisemit, man darf dementsprechend auch annehmen: Freimaurer-Kritiker. Und er war konsequenter Unterstützer des Austrofaschismus. Und natürlich haben er und seine Zeitschrift sich - vom sicheren Hort des eigenen katholischen Glaubens aus - auch mit den religiösen Auseinandersetzungen ihrer Zeit beschäftigt. Eberle ist diesbezüglich gerade heraus, er scheint kein Intrigenspieler gewesen zu sein, keiner, der mit doppeltem Boden argumentiere. Und er beobachtete - wie so viele Aufgewecktere - die starken zeitgeistigen Bewegungen weg vom Christentum, für die ja damals nicht nur die Sozialdemokraten und Kommunisten bekannt waren, sondern mehr noch im bürgerlichen Lager die völkische Bewegung. 

"Entjudaisierung des Christentums" im Dritten Reich


Als Antisemiten waren die Nationalsozialisten von vornherein dazu veranlagt, auf die "jüdische" Bibel scheel zu blicken. Und aus diesen Gefühlslagen heraus entstanden die starken Bestrebungen zur "Entjudaisierung des Christentums" innerhalb der evangelischen Kirche von Seiten der "deutschen Christen" bis hin zu Adolf Hitler, seinem Reichsbischof Müller und bis hin zu Alfred Rosenberg (Wiki). Diese Bewegung wurde auch von Seiten des Ehepaares Ludendorff immer wieder mit kritischen Aufsätzen begleitet und charakterisiert (zusammen gestellt in: 1).

Unter dem sonst offenbar nie in der Zeitschrift benutzten Pseudonym "Teutonicus" erschien in der genannten Wiener rechtskatholischen Zeitschrift im Februar 1932 ein Aufsatz, der sich auch mit den religionskritischen Stellungnahmen des Ehepaares Ludendorff beschäftigte. Er trug den keineswegs doppelbödigen oder irgendwie zynischen Titel "Von Luther zu Ludendorff. Das Entweder-Oder der völkischen Religion" (2). Im folgenden wird davon ausgegangen, daß dieser Aufsatz vom Schriftleiter Joseph Eberle selbst stammte. Uns scheint zunächst nichts gegen, aber einiges für diese Annahme zu sprechen. Der Verfasser, Joseph Eberle also vermutlich, hatte, wie der Aufsatz zeigt, das im Vorjahr erschienene Buch "Erlösung von Jesu Christo" von Mathilde Ludendorff gelesen. Und das Lesen dieses Buches - sowie das Lesen der Kritik dieses Buches durch Alfred Rosenberg - mag ihn veranlaßt haben, einen Aufsatz zu schreiben darüber, daß die völkischen Religionsbestrebungen innerhalb des Protestantismus voller Halbheiten wären und daß sie deshalb für ehrliche Menschen ein "Entweder-Oder" fordern würden, ein "Entweder-Oder", vor das zumindest Erich und Mathilde Ludendorff ihre Leserschaft klar stellen würden. Eberle schreibt über Erich Ludendorff:
Man möge ihn bekämpfen, gut! Aber sein Werk ist danach angetan, ernst genommen zu werden. Was er und Mathilde Ludendorff zu der völkisch-religiösen Bewegung unserer Zeit zu sagen haben, ist zu schwerwiegend, um auf Dummejungenart damit fertig werden zu wollen. (...) Hier handelt es sich darum, daß bewiesen wird: eine völkisch-rassige Religion, und möge sich noch so viel vom Christentum an Anschauungen, Dogmen und Symbolen übernommen haben, kann nie und nimmer Christentum sein. (...) Wer sich der Logik Roms nicht beugen will, der muß sich dann als geistig gesunder und vor sich selbst ehrlicher Mensch der Ludendorffs unterwerfen.
Das sind starke Sätze. Dieser Aufsatz wird von all den Intrigenspinnern innerhalb der katholischen Kirche, die schon damals mit den Nationalsozialisten so doppelbödig küngelten, um auf dieser Küngelei so ihr ganz eigenes Süppchen kochen zu können, nicht unbedingt mit voller Zustimmung gelesen worden sein. Ihnen müssen ja alle Unklarheiten und Halbheiten viel lieber gewesen sein unter den völkischen Protestanten und katholischen Völkischen als ein klares "Entweder-Oder". Diese Forderung nach Ehrlichkeit und "Entweder-Oder" unter Protestanten, die dem Neuheidentum viel eher zuneigten als dem Christentum, schon gar jenem im katholischen Gewand, konnte für sie damals doch nur als "kontraproduktiv" empfunden werden. Aber vielleicht war man im Erkenntnisprozeß im Jahr 1932 auch noch nicht so weit. Die Forderung von Eberle zum Entweder-Oder war jedenfalls ehrlich und deshalb scheint es heute noch so interessant, sich mit ihr zu beschäftigen.

Abb. 2: Ein Zeugnis für den Zeitgeist: Arischer Jesus - Karikatur im "Stürmer"

"Die Ehrlichkeit, zum Christentum ein glattes Nein zu sagen"


Eberle führt aus, daß alles "arische", "heldische" Christentum mit seinem "arischen", "heldischen" Jesus", um das sich in jenen Zeiten viele Nationalsozialisten und nationalsozialistische Pfarrer und - wie wir heute angesichts von Hitlers Bibliothek erahnen können - wohl auch Adolf Hitler selbst bemühten, unmöglichste, konfuseste "Halbheiten" seien:
Wir jedenfalls gestatten uns, demgegenüber die völkische Logik allein bei den Ludendorffs zu finden, die mit einer Klarheit, die wirklich nichts zu wünschen übrig läßt, im Gegensatz zu diesen völkischen Religionsdilettanten die völlige Einheit des alt- und neutestamentlichen Gottesbegriffs beweisen.
Als Beleg bringt er in einer Anmerkung an dieser Stelle:
Mathilde Ludendorff. Erlösung von Jesu Christo. München 1931. Seite 131 und öfter.
Die genannten "Religionsdilettanten" wollten ja damals ein angeblich "arisches", "heldisches" Geistesgut innerhalb der Bibel von dem übrigen jüdischen Geistesgut der Bibel aussondern, jeder wieder auf andere Weise, wozu eben gerne auch unterschiedliche Gottesbegriffe im Alten und Neuen Testament unterstellt wurden. Und Eberle ist nun froh, angesichts all dieses Halben und Konfusen in Mathilde Ludendorff jemanden gefunden zu haben, die wenigstens bei solchen Halbheiten nicht mitmachte. Er schreibt weiter - gegen Alfred Rosenbergs damalige Kritik an Mathilde Ludendorff:
Vollends sonderbar berührt es, wenn völkische Kritiker Mathilde Ludendorff, der Heidin, vorwerfen (...), sie schreibe ohne jede Berücksichtigung der protestantischen Bibelkritik.
Bekanntlich war für Rosenberg diese Bibelkritik die Grundlage, mit deren Hilfe er "wissenschaftlich" "aussortieren" wollte, was von den Bibelinhalten weiterhin als gültig anzusehen sei und was nicht. Solchen "Religionsknetereien" wie Eberle Rosenbergs Hoffnungen und Erwartungen ganz richtig charakterisiert, schreibt er ins Stammbuch:
Ludendorff jedoch erklärt mit einer Entschiedenheit und Überzeugtheit, die jedem Katholiken Ehre machen würde, die Einheit und Geschlossenheit des von der Kirche gelehrten Christentums, Mathilde Ludendorff weiß, daß die Schrift, so wie sie uns vorliegt und so wie die Kirche sie lehrt, das Christentum bedeutet. (...) Schon zu Anfang ihres Buches stellt sie den Grundsatz auf: "Da jedes Wort der Evangelisten als Wort Gottes den Völkern gelehrt wird und Vorbild für sie ist, so ist bei solcher Betrachtung jedes Wort der vier Evangelien gleich wichtig. Es müssen alle Worte beachtet werden. Keine kritische Behandlung des Christentums hat diese Grundforderung erfüllt und deshalb hat keine wirklich überzeugt." (Erlösung, S. 9)
Abb. 3: "Von Luther zu Ludendorff - Das Entweder-Oder der völkischen Religion" Sonderdruck aus "Das Neue Reich", 6., 13. und 20. Februar 1932

"Das finstere Lachen des Heiden Ludendorff"


Eberle fährt fort:
Adolf Hitlers Halbheit, für ihn selbst so folgenschwer, liegt darin: ein völkischer, ein Rassestaat im Sinne der Nationalsozialisten ist als christliche Schöpfung, ja selbst als rein politische Schöpfung nur unter Duldung seitens des Christentums ein Unding.
Mit diesem Satz steht er völlig auf dem Standpunkt von Erich und Mathilde Ludendorff, aber wird sich keine Freunde bei den Kunglern des politischen Katholizismus damit gemacht haben. Er sagt weiter über den Christen und Katholiken Hitler:
Er ist nicht tief genug in den Geist des Christentums eingedrungen, um zu erkennen: dies Christentum ist ein Ganzes, bei ihm gibt es, seiner Natur nach, keine Privatsache, im Christentum ist der ganze Mensch, also auch der politische Mensch der Religion Gehorsam schuldig.
Und diesen ungeheuerlichen Gedanken, gegen den die Ludendorffs ja immer wieder angegangen sind, weil er so viele Implikaitonen mit sich führt, erläutert Eberle dann noch weitergehend. Eberle führt Zeugnisse für all die Halbheiten der völkisch-christlichen "Religionskneter" an, die er offenbar bei Mathilde Ludendorff behandelt und in ihrem feierlichen Bombast schon als lächerlich kritisiert gefunden hat. Und auch er nennt sie "Schäferspiel mit geliehenen Masken und Fähnchen", nennt sie "Alfanzereien" und fährt dann nach dem Anführen solchen bombastischen Getöses und solcher arisch-christlicher Glaubensbekenntnisse fort:
"Mehr kann man nicht verlagen!" sagt Mathilde Ludendorff bissig dazu, aber ich wüßte außer den Ludendorffs niemanden zu nennen - ich spreche hier von den Völkischen -, der die gerade Ehrlichkeit aufgebracht hätte, zu dem Christentum ein glattes Nein zu sagen.
Und Eberle kennt - wie Mathilde Ludendorff - die psychologischen Ursachen für all die Halbheiten. Er wird quasi zum katholischen "Rosenberg"- und "Hitler-Versteher", wenn er schreibt:
Denn es gehört schon eine große Kraft, viel Überwindung dazu, mit liebgewordenen Anschauungen auf einmal ganz zu brechen. Die schönen Erinnerungen aus der gläubigen Jugendzeit sozusagen aus dem Gedächtnis zu streichen und mit umgekehrten Zeichen zu werten. Da ist es freilich viel bequemer, einfach zu sagen: früher haben wir das nur falsch verstanden und jetzt sind wir "im wahren Christentum". 
Eberle schreibt ganz auf konsequent-katholischer Linie:
Alle diese völkischen Christen vergessen, daß die christlichen Gebote, z. B. das der Feindesliebe, der Demut, der Missionierung des Erdkreises ("Gehet hin und lehret alle Völker") sich immer irgendwie geschichtlich-politisch, nicht nur rein religiös auswirken müssen. Mögen sie es sich, wenn nicht von einem Katholiken, so von Ludendorff, dem Antichristen, sagen lassen, daß das Christentum überpersönlich ist, also nicht und nie danach fragt, was dem einzelnen an der Lehre gefällt und was nicht; und noch etwas, was für die Völkischen wohl das Wesentlichste ist: nämlich daß selbst jedes Überbleibsel des Christentums, das man in die völkische Rassegemeinschaft übernimmt, sich früher oder später gegen den Rassestaat auswirken muß und ihm noch vor seinem endgültigen Gestaltwerden zu Fall bringen wird.
Auch das sind geradezu prophetische Worte. Eberle führt dann zahlreiche Halbheiten insbesondere des damaligen "Geistchristentums" des Nationalsozialisten Artur Dinter (1876-1948) in diesem Sinne an und sagt dazu:
Mit diesem halben Christentum läßt sich weder eine "artgemäße Religion", noch "die Aufrichtung eines dritten Reiches, eines völkischen Großdeutschland" erreichen.
Und abschließend sagt er zu dieser Clownerie:
Klatscht Beifall, Freunde, die Komödie ist zu Ende. Und durch den öden Raum hallt nur noch das finstere Lachen des Heiden Ludendorff.
Und das muß nicht kommentiert werden. Es ist das ein Bild, das man aus den zeitgenössischen Quellen sonst so nicht kennt. Ein lachender Ludendorff ist dort nie vorhanden. Und wenn er von seiten eines Katholiken nun hier dennoch gezeigt wird im Angesicht der Clownerie der "Religionskneter", dann muß es ja immerhin noch ein "finsteres Lachen" sein. Denn es ist ja auch der klaren und ehrlichen Forderung nach einem Entweder-Oder für oder gegen das Christentum entsprungen. Womöglich ein eher ungewöhnliches Zeitzeugnis.

Abb. 4: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 2 

Abb. 5: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 3

Abb. 6: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 4
Aber in vielem erinnert es natürlich auch an die Predigten des Münchner Kardinals Faulhaber, die ein Jahr später unter dem Titel "Judentum, Christentum, Germanentum" erschienen. Kardinal Faulhaber war ein Befürworter der Teilnahme Deutschlands am Spanischen Bürgerkrieg, das der Durchsetzung des klerikal-faschistischen Franco-Regimes diente (Wiki):
Im November 1936 sprach Faulhaber in einer Predigt über die Bereitschaft zum Leiden und heroischen Taten, die die christliche Weltanschauung fordere. Als Beispiele nannte er den von NS- und anderen rechten Kreisen zum Märtyrer erhobenen Albert Leo Schlageter, auf dessen katholische Konfession er sich bezog, und die „Helden“ des Alcázar im spanischen Bürgerkrieg.
Er also war schon wieder ein Doppelbödiger und Taktierer, der sich von verdächtigen Neuheiden katholische Kriege, bzw. Kriege im katholischen Interesse führen ließ und von ihnen "Leiden und heroische Taten" forderte.

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  1. Ludendorff, Erich und Mathilde: Die machtvolle Religiosität des deutschen Volkes vor 1945. Dokumente zur deutschen Religions- und Geistesgeschichte 1933 - 1945. Zusammengestellt und erläutert von Erich Meinecke. Freiland-Verlag, Viöl 2004
  2. Teutonicus (Pseud.): Von Luther zu Ludendorff. Das Entweder-Oder der völkischen Religion. In: Das Neue Reich. Jg. 14, 6., 13. und 20. Februar 1932, Folgen 19-21, S. 359-60, 379-80 und 401-02
  3. Bading, Ingo: Ludendorff regt die Veröffentlichung der Schrift "Protestantische Rompilger" an Tagebuch-Einträge von Alfred Rosenberg zwischen den Jahren 1936 bis 1938. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 19. September 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/09/ludendorff-regt-die-veroffentlichung.html

Mittwoch, 8. November 2017

Erich Ludendorff im Jahr 1919

Zusammenstellungen von Fotografien Erich Ludendorffs aus den Jahren 1914 bis 1918 sind hier auf dem Blog pro Jahr jeweils schon ein Beitrag gewidmet worden. Diese Reihe soll mit dem vorliegenden Blogbeitrag fortgesetzt werden für das Jahr 1919. Dabei sollen auch nach und nach Inhalte des Lebens von Erich Ludendorff im Jahr 1919 dokumentiert werden. Dabei soll nicht im Vordergrund stehen, wie bedeutungsvoll diese Lebensinhalte waren, eher steht das Kriterium Vollständigkeit im Vordergrund. Die meisten Fotografien Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1919 stammen aus dem November und sind entstanden im Umfeld der aufsehenerregenden Aussagen Hindenburgs und Ludendorffs vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Reichstages im 18. November 1919. Obwohl dieser Umstand einigermaßen sicher sein dürfte, können derzeit dennoch die meisten der hier dokumentierten Fotografien noch kaum sicher nach Tag und Ort zugeordnet werden.

Ludendorff als Ehrengast im Freundeskreis rund um den Berliner "Kladderadatsch" (1919)


Nirgendwo in seinen Lebenserinnerungen berichtet Erich Ludendorff (1865-1937) (Wiki), daß er schon in seiner Zeit als Leutnant im Seebataillon 1887 bis 1890 - vermutlich in Kiel - den Verleger der Berliner politisch-satirischen Wochenzeitschrift "Kladderatsch" (Wiki) kennengelernt hatte. Es war dies ein Rudolf Hofmann. Und gleich nach seiner Rückkehr aus Schweden im Frühsommer 1919 bewegte er sich eine Zeit lang im Umkreis dieses Verlegers. Vermutlich war ihm dieser Personenkreis nicht bedeutend genug, um ihn in seinen Lebenserinnerungen zu erwähnen. Dieser Personenkreis ist aber durchaus bezeichnend für jenes Umfeld, in dem sich Ludendorff damals bewegte in einem Lebensabschnitt, den er mit den Worten "auf nationalen Wegen" kennzeichnete.

Abb. 1: Hindenburg besucht Ludendorff in der Viktoriastraße in Berlin (wohl November 1919)

Im Rückblick auf sein Leben meinte Erich Ludendorff, daß er sich bis zum März 1920 auf tradionell "nationalen Wegen" bewegt habe im Umkreis jenes Patriotismus, den es schon im Kaiserreich gegeben hatte. Und genau hierzu gehörte auch der Mitarbeiterkreis des "Kladderadatsch". Am 23. Februar 1919 war er von Schweden nach Berlin zurück gekehrt (1, S. 46). Zunächst hatte er bei seinem Freund, dem Hauptmann Breuer, gewohnt, dann einige Tage im Hotel Adlon. Hier besuchte ihn der damalige Freikorpsführer Oberst Wilhelm Reinhard (1869-1955) (Wiki). Im Zusammenhang mit ihm kommt Ludendorff ein wenig auf jenes oberflächlich-nationale Umfeld zu sprechen, in dem er sich damals bewegte (1, S. 52):
Er (Reinhard) bat mich, doch eines Mittags zu Hiller zu kommen, um dort mit seiner näheren Umgebung zusammen zu sein. Ich staunte über "Hiller". Das war in der Vorkriegszeit eine der teuersten Gaststätten Berlins. Ich ging hin. Prächtige Menschen waren dort versammelt, durchglüht von dem Wunsche, die Ordnung in Berlin und im Reich wiederherzustellen, aber darüber hinaus ohne klares Wollen. Die Aufmachung selbst allerdings behagte mir nicht. Wein spielte eine große Rolle für recht viele.
In der Vorkriegszeit hatte zu den Gästen des Restaurants Hiller, eines kleinen Restaurants Unter den Linden 62/63, nahezu der gesamte deutsche Hochadel gezählt (Wiki). Bei diesem Anlaß traf Ludendorff nun auch, wie er berichtet, den Konsul Salomon Marx (1866-1936) (Wiki). Er finanzierte damals die Freikorps (1, S. 52):
Was mich besonders erstaunte, war der Umstand, daß ich in diesem Kreise den judenblütigen Konsul Marx antraf, der, wie ich später hörte, das Freikorps Reinhard "finanziert" hat. Konsul Marx hat mich einmal in Pleß besucht, ich habe ihn dann auch später gesehen. Er war eine Persönlichkeit, die, wie mir schien, bestimmte Ziele verfolgte, ohne daß ich sie recht erkannt hatte. Heute ist es mir klar, daß er einer der Juden war, die in sogenannten rechtsgerichteten Kreisen Einfluß zu gewinnen hatten, um diese nach dem Willen des Juden zu leiten. Ging es nicht durch Geheimorden, so ging es durch wirtschaftliches Abhängigmachen der Rechtsbewegung und durch Bildung von "Organisationen", in denen dann die Geheimorden bequem wirken konnten.

Abb. 2: Hindenburg besucht Ludendorff in der Viktoriastraße in Berlin (wohl November 1919)
Ludendorff erhielt zwar in seiner Berliner Wohnung in der Viktoriastraße viele Besuche, etwa von den Söhnen des Kaisers Wilhelm II. oder von Prinzen anderer vormals regierender Häuser in Deutschland (1, S. 54). Aber, so Ludendorff weiter (1, S. 55):
Sehr viele Bekannte blieben auch aus und mieden mich ängstlich. Hierunter recht viele Offiziere der früheren Obersten Heeresleitung.
Im Generalstabsgebäude, das er damals für eine Unterredung mit dem Oberst von Mertz aufsuchte, sei er "beinahe frostig begrüßt" worden:
In der Tat trennte mich damals schon eine Welt von früheren Kameraden, deren Charakter sich in der Revolutionszeit so wenig bewährt hatte.
Sein ehemaliger Reserveoffizierskamerad aus dem Seebataillon, Rudolf Hofmann, ist nun Ludendorff gegenüber offensichtlich nicht frostig eingestellt gewesen. Dieser hatte die Verlagsbuchhandlung seines Vaters schon im Jahr 1881 übernommen gehabt (Wiki). Offenbar tat er aber auch noch danach zeitweise Dienst als Reserveoffizier im Seebataillon und hatte vermutlich dabei den Leutnant Ludendorff kennengelernt (2, S. 192). Als Leutnant war Ludendorff dann Ende der 1880er Jahre mehrmals in Hofmanns Grunewald-Villa zu Besuch, wenn er in Berlin weilte. Und das tat er ja nicht selten, schließlich lebten Ludendorffs Eltern und Geschwister ebenfalls in Berlin.

Bei diesen Besuchen hatte Ludendorff flüchtig auch den im Haus von Hofmann lebenden Schriftleiter der Zeitschrift "Deutsche Rundschau" (Wiki) kennengelernt: Paul Lindenberg (1859-1943) (Wiki) (2, S. 192). Über dessen Erinnerungen sind die hier genannten Zusammenhänge überliefert und sie bilden die Grundlage für den ersten Teil des vorliegenden Blogbeitrages (siehe auch Anhang ganz unten). Der "Kladderadatsch" war damals längst eine Institution im politischen und kulturellen Leben Berlins. Mit seinen zahlreichen, bekannten Karikaturen war er im Laufe der Jahre zu einem Bismarck-treuen Wochenblatt geworden, zu einem Wochenblatt, durch das Bismarck oft überhaupt erst für viele Menschen bekannt und volkstümlich geworden ist (siehe z.B. Bildersuche). - Nur die vielleicht berühmteste Bismarck-Karikatur, nämlich "Der Lotse geht von Bord" (Wiki), ist nicht im "Kladderadatsch" erschienen, sondern am 29. März 1890 im britischen Magazin "Punch". Aber ansonsten wird die Bedeutung dieser Karikaturen auch in dem Umstand ersichtlich, daß in den derzeitigen Wikipedia-Artikel zu Bismarck mehrere dieser Karikaturen aus dem "Kladderadatsch" zur Veranschaulichung eingestellt worden sind.

Abb. 3: Vormaliger Vizekanzler Karl Helfferich (1872–1924), Hindenburg und Ludendorff (wohl 18. November 1919)
Seine Rolle als "Institution" behielt das Wochenblatt auch noch nach dem Ersten Weltkrieg bei. Zum Stammtisch des "Kladderadatsch" gehörte auch der einstmals von Kaiser Wilhelm II. sehr favorisierte und protegierte Theaterdichter Joseph von Lauff (1855-1933) (Wiki). Bevor dieser Schriftsteller geworden war, war er ebenfalls zwanzig Jahre lang Berufsoffizier gewesen. Es handelte sich bei den Angehörigen dieses Kreises um patriotische, kaisertreue Schriftsteller, Künstler und Verleger im Stil der Vorkriegszeit, die bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch alle ihre Anstrengungen in den Dienst der deutschen Kriegsführung stellten. Auch "Dr. Toeche", also Konrad Toeche-Mittler (1869-1954) (Munziger), der damalige Inhaber des Verlages E.S. Mittler & Sohn, des bedeutendsten Berliner Militärverlages, in dem 1919 auch die "Kriegserinnerungen" Erich Ludendorffs erscheinen sollten und mehrere nachfolgende Veröffentlichungen Ludendorffs, gehörte zum Bekanntenkreis von Paul Lindenberg und wird in seinen Erinnerungen erwähnt (2, S.  105)

Abb. 4: Vormaliger Vizekanzler Karl Helfferich (1872–1924), Hindenburg und Ludendorff (wohl 18. November 1919)
Gleich am Anfang des Krieges hatte Lindenberg 1914 als Kriegsberichterstatter an der Schlacht bei Tannenberg teil genommen (2, S. 179-183). Hier hatte er den ihm nur flüchtig von früher her bekannten "Leutnant" Ludendorff nun in ganz anderer Stellung wieder getroffen. (Siehe mehr dazu unten im Anhang dieses Blogbeitrages.) von Lauff war ebenfalls Kriegsberichterstatter geworden. Und so wie auch die Münchner bekannte satirische Zeitschrift "Simplicissimus" mit Olav Gulbransson und Ludwig Thoma (1867-1921) (Wiki) ihre Anstrengungen in den Dienst der Kriegsführung stellte (3), so auch der Berliner "Kladderadatsch".

Und so wie Erich Ludendorff Ende Juli 1921 Ludwig Thoma besuchte zur politischen Aussprache (3), so fand er zwei Jahre zuvor in Berlin im Umkreis des "Kladderadatsch" politische Freunde. Seit 1909 war Schriftleiter des "Kladderadatsch" Paul Warncke (1866-1933) (Wiki) gewesen. Dieser hatte in dieser Zeit zahlreiche patriotische Gedichte veröffentlicht, auch auf Hindenburg und Ludendorff.

Abb. 5: Vormaliger Vizekanzler Karl Helfferich, Hindenburg (x), Ludendorff (xx), General von Lüttwitz (November 1919)
(Ort und Anlaß vorerst nicht bekannt, vielleicht am 1.11.1919)
Der Stammtisch des "Kladderadatsch" versammelte sich jedes Jahr zum 1. März, um des Geburtstages Otto von Bismarcks zu gedenken, den viele Mitglieder des Stammtisches - auch Paul Lindenberg - noch persönlich in Friedrichsruh besucht und gesprochen hatten. Das Lokal des Stammtisches waren die "Trarbach'schen Weinstuben" in Berlin-Charlottenburg. Es könnte ein ähnliches Lokal wie das von Ludendorff schon genannte "Hiller" gewesen sein. Jedenfalls spielte natürlich auch dort - so wie bei Hiller - der Wein eine Rolle. Viele der Schriftsteller dieses Kreises gehörten einer Generation an, die etwa zehn bis sechs Jahre vor Erich Ludendorff geboren worden ist. In diesem Kreis jedenfalls sah sich Ludendorff mit Wohlwollen und Anerkennung empfangen (was dieser in seinen Lebenserinnerungen wie gesagt - als ihm inzwischen sicherlich zu unerheblich - nicht erwähnte).

Abb. 6: Hindenburg und Ludendorff, wohl November 1919, vorerst unbekannter Ort und Anlaß (Hindenburg und Ludendorff tragen beide Zylinder, was auf anderen Fotos dieses Jahres nicht der Fall ist)

3. April 1919 -  Ludendorff in Trarbach's Weinstuben


Schriftsteller Lindenberg berichtet über den "Kladderadatsch"-Stammtisch (2, S. 119f):
Nach Kriegsende fanden sich an unserem Tisch so manche Mitkämpfer ein, an erster Stelle neben Ludendorff sein unermüdlicher Helfer im Osten und Westen, General der Infanterie von Eisenhart-Rothe. (...) Fregattenkapitän Bogislaw von Selchow erzählte von dem Ringen bei Skagerrak und den heißen Kämpfen in Flandern. Seine Kriegsdichtungen gehörten zu den besten der Zeit. (...) Drei andere Freunde vertauschten den Waffenrock mit dem bürgerlichen Kleid: Joseph von Lauff, der liebe rheinische Poet, Paul Oskar Hoecker (...) und Walter Bloem.
In dem Ludendorff-Kapitel seiner Lebenserinnerungen berichtet Lindenberg dann (2, S. 195):
... Erst nach dem Krieg sah ich in Berlin Ludendorff wieder. Da mögen einige Tagebuchaufzeichnungen folgen: 3. April 1919. Abends am "Kladderadatsch"-Tisch in Trarbachs Weinstuben, General Ludendorff als Gast. Großer Besuch, viele befreundete Schriftsteller, Künstler, Reichstagsabgeordnete, Offiziere. Ludendorff sitzt zwischen Rudolf Hofmann und mir, sein schmales, energisches Gesicht von gesunder Färbung, die schlanke Figur straff, jeder Zoll Soldat. Nach dem kurzen gemeinsamen Essen hält Paul Warncke, der so manch packendes Gedicht im "Kladderadatsch" Hindenburg und Ludendorff gewidmet hatte, eine zündende Ansprache an den gefeierten Gast.
Während der Rede sei Ludendorff sehr nervös gewesen, habe Brotkrümelchen gerollt. Zur Antwort-Rede sei er dann gleich aufgestanden (2, S. 195):
Er erwähnt zunächst, daß er seit dem 26. August vergangenen Jahres zum erstenmal wieder im Kreise nationalgesinnter Männer weile und welche Freude ihm dies bereite, eine Genugtuung für manche Enttäuschung. Sein Tun und Handeln sei von bestimmter Seite oft falsch ausgelegt worden, aber er möchte hier eins hervorheben: Als er zu Beginn des Krieges das Lied singen hörte "Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand, Dir Land voll Lieb und Leben, mein deutsches Vaterland", da habe ihn dies tief ergriffen und er habe sich im Stillen gelobt, nur dem deutschen Vaterlande zu dienen, dessen Wohl und Gedeihen seine ganze Kraft zu widmen! Das habe er gehalten und er werde es ferner halten, wenn dies das Vaterland wünsche. Sein dreifaches Hoch gälte dem deutschen Vaterland!
Abb. 7: Hindenburg und Ludendorff auf dem Weg zum parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Reichstages am 18. November 1919, links wohl Karl Helfferich
Dieses Lied gilt tatsächlich als das "Lieblingslied des Feldherrn", insofern zeigt diese Angabe, daß die Erinnerungen von Paul Lindenberg als zuverlässig anzusprechen sein werden. Auch an anderen genannten Umständen ist das erkennbar (etwa daran, daß Ludendorff ihm von einer persönlichen Begegnung mit dem älteren Moltke erzählte). Lindenberg berichtet weiter (2, S. 195f):
Im Laufe des Abends unterhielt ich mich viel mit Ludendorff, der auch von unserem Zusammensein in Kreuznach sprach: "Damals bestand noch die feste Hoffnung auf ein glückliches Ende des großen Kampfes. Wir hatten ja unsere Ansprüche zurück geschraubt, aber ohne Siegespreis wollten wir nicht nach Haus heimkehren. Amerika machte uns einen unerwarteten Strich durch die Rechnung. Wir wären jedoch auch mit ihm fertig geworden, mit unserem unvergleichlichen Heer, wenn die Heimat Stand gehalten hätte - nur wenige Monate noch!" Ich erkundige mich nach seinem Kriegsbuch, das erst Anfang Juli erscheinen würde, ein starker Band von sechshundert Seiten: "Das Werk hat mir viel Arbeit gemacht, ich habe in Schweden von 7 Uhr früh bis 1 Uhr nachts daran gearbeitet." Sprechen von Hindenburg. Ludendorff: "Er ist sehr alt geworden, verstehe kaum, daß er noch aushält, hat die Zeit zum guten Abgang verpaßt. Seine Frau hat großen Einfluß auf ihn."
Hindenburg arbeitete ja damals immer noch in der "Obersten Heeresleitung", die inzwischen in Kolberg ansässig geworden war. Ludendorff habe weiter ausgeführt, so Lindenberg (2, S. 196):
Dann: "Die heftigen Angriffe gegen mich haben mich zuerst sehr erschüttert, jetzt habe ich mein seelisches Gleichgewicht wieder gefunden. Hoffentlich rafft sich das Bürgertum endlich auf, um sich der bolschewistischen Strömungen zu erwehren. Nach meiner Ansicht hat die schlechte Ernährung viel zur Entnervung weiter Volkskreise beigetragen."
Die öffentlichen Angriffe gegen Ludendorff durch führende damalige Regierungsmitglieder beschäftigen Ludendorffs damals sehr und er nahm in mehreren Schriften dazu Stellung.

April bis August 1919 - Erich Ludendorff im "Kollegen-Kreis"


Abb. 8: Paul Lindenberg -
Unter Hindenburgs
siegreichen Fahnen (1918)
Da Lindenberg ein Buch über Hindenburg schreiben wollte, besuchte er Ludendorff am Vormittag des 29. April 1919 in der Viktoriastraße 26, wo Ludendorff inzwischen - zunächst nur als vorübergehend gedacht - eine Wohnung bei der Schwiegermutter Newman seines ehemaligen Mitarbeiters von Treuenfeld gefunden hatte. Dort unterhalten sie sich zunächst darüber, ob Ludendorff nicht in Berlin-Lichterfelde eine Wohnung finden könne (2, S. 196f):
Ich gebe Ludendorff einige meiner Kriegsschriften und die in großer Auflage erschienene Erzählung "Unter Hindenburgs Fahnen". Ludendorff weist auf den farbigen Umschlag hin, der Hindenburg und ihn hoch zu Roß zeigt: "Das ist historisch unrichtig. Hindenburg ist während des ganzen Feldzuges nie aufs Pferd gestiegen, ich nur sehr selten, wir machten alle Fahrten mit dem Auto."
Von dem Militärmaler Carl Röchling (1855-1920) (Wiki), der dieses Bild gemalt hat (4), ist bis heute bekannt geblieben sein Gemälde "The Germans to the Front" aus dem Jahr 1900. Das Bild, von dem hier die Rede ist, ist offenbar im Internet nicht zugänglich. Allerdings wurden Hindenburg und Ludendorff von Kriegsmalern damals häufiger zu Pferde gemalt, zumal am Anfang des Krieges im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen an der Ostfront (5). Unter anderem sagte Ludendorff in diesem Gespräch auch über die Folgen der Revolution:
"Alle unsere sittlichen Begriffe sind ins Wanken gekommen, das Rechtsempfinden wird vergewaltigt."
Am 23. August 1919 besuchte Paul Lindenberg Ludendorff erneut. Sie unterhalten sich über den großen Erfolg von Ludendorffs Kriegserinnerungen (2, S. 197f):
Auf eine weitere Frage nach neuen Plänen erwidert er: "Ich habe noch nichts Bestimmtes beschlossen, bin vorläufig hier gut aufgehoben. Wer kann unter den jetzigen Zuständen und Umständen schon Pläne für die Zukunft fassen!"
Für den 29. August 1919 hatte Rudolf Hofmann einen kleinen Freundeskreis zur Pfirsichbowle in den Grunewald, Hagenstraße 9 eingeladen mit der abschließenden Bemerkung "Übrigens kommt Ludendorff!" Lindenberg berichtet (2, S. 198):
Im Freien, nahe dem Wald, war gedeckt, aber ein Gewitter trieb uns ins Haus.
In den Tischreden wurde der Schlacht von Tannenberg vor fünf Jahren gedacht. Ludendorff
erwähnte die ernsten Zeiten und daß er das feste Vertrauen in bessere habe, gab seiner Freude Ausdruck, in diesem von treuem vaterländischem Geist erfüllten Kreise weilen zu können, er sei jetzt durch sein Buch Kollege von uns geworden, er leere sein Glas auf das Wohl dieser Runde nationalgesinnter Männer.
In diesem Kreis mag Erich Ludendorff dann auch Joseph von Lauff begegnet sein. Und dadurch ordnet sich ein Geschenk weitaus besser in seine Biographie ein als uns das bislang verständlich erschienen war, nämlich der Umstand, daß Joseph von Lauff Ludendorff zu Weihnachten 1932 eines seiner Werke schenkte (6).

So wie hinsichtlich des "Simplicissimus" (3) wäre es sicherlich auch einmal interessant zu recherchieren, welche Stellungnahmen es von Seiten des "Kladderadatsch" zu dem weiteren Lebensweg von Erich Ludendorff gegeben hat. (Siehe dazu UB Uni-Heidelberg, bzw. Digi.UB.Uni-Heidelberg.) Vermutlich war der "Kladderadatsch" aber nicht so sehr mit Ludendorff beschäftigt wie der "Simplicissimus", da Ludendorff ja schon 1920 von Berlin nach München umzog. 1922 jedenfalls veröffentlichte er ein "Interview" mit Erich Ludendorff (GB). Unter "Sensationelles von Ludendorff" erschien ein Witzgedicht darüber, daß der Historiker Delbrück unter den Ahnen Ludendorffs eine jüdische Großmutter entdeckt habe (GB). Delbrück hatte ja Ludendorffs Kriegsführung außerordentlich scharf kritisiert.

Im Anhang seien die Passagen in den Lebenserinnerungen von Paul Lindenberg zu Erich Ludendorff  noch etwas detaillierter dokumentiert.


Abb. 9: Ludendorff und Hindenburg vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß,
Zeiczhnung von Herbert Rothgaengel, November 1919

24. November 1919 - Ludendorff in der Garnisonkirche in Potsdam


Für die Aussage vor dem Untersuchungsausschuß des Reichstages kam Hindenburg schon eine Woche früher nach Berlin (12, S. 406):
Schon seine Ankunft in Berlin am 12. November 1919 glich einem Triumphzug: Er wurde mit militärischen Ehren am Bahnhof Zoologischer Garten willkommen geheißen, und die Reichswehr stellte ihm zwei Offiziere für die Zeit seines Berliner Aufenthalts als Adjutanten zur Verfügung. (...) Hindenburg machte sich in der einen Woche seiner Berliner Aufenthaltes in der Öffentlichkeit keineswegs rar und verschaffte seinen Verehrer genügend Gelegenheit, ihm Ovationen darzubringen.
Ludendorff berichtet (1, S. 74):
General v. Hindenburg wohnte, meinem Vorschlage zufolge, bei dem früheren Staatssekretär Helfferich. (...) Ich sah General v. Hindenburg bei ihm, aber auch in meiner Wohnung in der Viktoriastraße. Er besuchte mich hier, um zu hören, wie ich mir das Auftreten vor dem Untersuchungsausschuß dächte.
Am 18. November 1919 fand dann dieser Auftritt von Hindenburg und Ludendorff vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Reichstages statt (1, S. 75-85). Kurt Tucholsky beispielsweise hat einen Bericht über diesen Auftritt geschrieben (11):
Der Zuschauerraum hält den Atem an, wenn Ludendorff spricht. Die Augen der Offiziere in Zivil glitzern hart. Aber so war es hier immer: (...) Sprach Ludendorff, so atmete der Zuschauerraum: Ja - und sprach Doktor Sinzheimer, so sagten die deutschen Seelen: Nein - und die Offiziersfrauen, die da saßen, fühlten: Unser Reich soll wiederkommen. (...) Schlägt nicht das Herz des Volkes für die beiden? (...) Meine Deutschen (...). Sie sind doch sonst nicht so ritterlich, so zartfühlend, so unendlich taktvoll - und das bei zwei Erfolglosen?
Aber, so stellt Tucholsky fest:
Hier spricht das Herz. (...) Hier spricht nicht das Gehirn - hier spricht nur das Herz. Und hätten diese beiden einen scheußlichen Totschlag begangen: eine halbe Nation stünde auf und nähme sich ihrer an.
Erich Ludendorff selbst schreibt über die Zeit nach dem Auftreten vor dem Untersuchungsausschuß (1, S. 95):
In der Sorge für Heer und Volk war ich eins mit den unendlich vielen Deutschen Männern und Frauen. Ich traf mich mit dieser Sorge im besonderen mit Geheimrat Kapp, General v. Lüttwitz, Oberst Bauer und Hauptmann Papst.
Letzterer gründete die "Nationale Vereinigung", die den nachmaligen Kapp-Putsch - wie man aus dem Nachhinein weiß: ziemlich dilettantisch - vorbereitete. Ludendorff weiter (1, S. 100f):
Ich begrüßte es, daß die Verhandlungen vor dem Untersuchungsausschuß am 18.11.1919 die Bewegung gefördert hatten. Auch sonst war ich in ihr tätig, ohne mich etwa der Deutschnationalen Partei anzuschließen. Ich wurde gebeten, bei nationalen Veranstaltungen zu sprechen und bei Veranstaltungen nationaler Jugend zugegen zu sein. Das öffentliche Sprechen ist mir nicht leicht geworden, ich hatte Abneigung zu überwinden. (...) Es (...) lag meinem Einsamkeitsbedürfnis fern. (...) Damals im Winter 1919/20 habe ich den an mich herantretenden Bitten zu reden, entsprochen und war herzlich froh, wenn die Versammlung zu Ende war. Ich wollte dem Volke helfen, wo es mir möglich war. Die Eindrücke, die ich von den Veranstaltungen für die Jugend mit nach Hause nahm, waren recht zwiespältiger Natur. ...
Abb. 10: "An die Kurzsichtigen - Ihr sucht die Wahrheit? Wenn sie aber erscheint, wünscht ihr sie zu allen Teufeln"
Karikatur im Kladderadatsch, November 1919

Eine dieser genannten Veranstaltungen, die Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen aber nicht ausdrücklich nennt, war am 24. November 1919 ein Gedächtnis-Gottesdienst in der Garnisonkirche in Potsdam, der von der Deutschnationalen Volkspartei organisiert worden war. In diesem Gottesdienst sprach auch Erich Ludendorff als Hauptredner. Es handelte sich um eine viel beachtete Gegenveranstaltung zur Tagung der Deutschen Nationalversammlung in Weimar. Die Teilnahme Ludendorffs an dieser Veranstaltung spielt gegenwärtig - 2017 - im Zusammenhang mit Erörterungen rund um die Frage, ob die Garnisonkirche in Potsdam wieder aufgebaut werden soll, eine Rolle. Der Autor Matthias Grünzig hat zur Geschichte der Garnisonkirche eine Studie vorgelegt. Über sie wird berichtet (PNN, 5.7.2017):
Grünzig gibt einen Überblick über die zahlreichen Veranstaltungen, die in der Garnisonkirche stattfanden, etwa die von der DNVP organisierte Heldengedächtnisfeier vom 24. November 1919, bei der auch der vormals kaiserliche General Erich Ludendorff sprach. An diesem Tag habe sich, so Grünzig, „zum ersten Mal seit der Revolution das antidemokratische Lager mit einer Großveranstaltung“ zurückgemeldet.
Laut der von Grünzing (10) zitierten Zeitungsartikel der damaligen Zeit (9) war diese Rede Ludendorffs schon im November 1919 in der Öffentlichkeit umstritten. In einer Darstellung zur Geschichte der Garnisonkirche aus dem Jahr 1964 heißt es, für die Familien der Gefallenen des Weltkrieges (8, S. 87)
fand am 24. November 1919 in der Garnisonkirche ein Gedächtnisgottesdienst statt. Garnisonprediger Vogel hielt die Predigt, General Ludendorff sprach zu den Angehörigen und zur Gemeinde. Vom Turm aber erschallten, als wäre nichts geschehen, die Glockenlieder "Üb' immer Treu' und Redlichkeit" und "Lobet den Herrn" - weithin über die Stadt, die Havel, ihre Seen und die benachbarten Wälder und Hügel.
Matthias Grünzig, ein Gegner des Wiederaufbaus der Garnisonkirche, referiert den Inhalt von Ludendorffs Rede folgendermaßen (10):
Zunächst interpretierte er die Novemberrevolution auf seine Weise: „Und welches war die Ursache dieses abgrundtiefen Unglücks? Wir wichen zur Genugtuung unserer Feinde von dem alten Preußengeist ab, der uns groß gemacht hat. (…) Die Selbstsucht überwucherte alles Edle im Volk, und kein Gärtner war da, der das Unkraut mit Stumpf und Stiel ausrottete. Und die anderen ließen es wachsen, statt es zu zertreten. Und daran meine verehrten Anwesenden, trägt ein jeder von Ihnen mit die Schuld!“ Dann entwickelte er ein politisches Programm, das auf die Errichtung einer Militärdiktatur hinauslief. Ein weiterer Redner war Johann Rump. Rump war ein nationalistischer Pfarrer, der später der NSDAP beitrat. Rump bezeichnete die Demokratie als „Irrweg“ und geißelte die „furchtbare Schande des Heute“. Seine Rede endete mit einer Prophezeiung: „Auf den Winter deutscher Schmach wird der Frühling deutscher Herrlichkeit folgen“.
Die hier versammelten Kräfte drängten offensichtlich auf ein solches Handeln wie es dann drei Monate später im Kapp-Putsch zum Ausdruck kam. Man darf sich aber übrigens fragen, ob es richtig ist, die damaligen monarchischen Kräfte immer so plakativ und rundweg heraus "antidemokratische" Kräfte zu nennen. Das waren alles Bismarck-Anhänger. War Bismarck denn ein "Antidemokrat"? Natürlich sahen diese monarchischen Kräfte im Angesicht der Gefahr des Bolschewismus die Notwendigkeit einer starken, sicherlich auch einer diktatorischen Regierung wie sie Bismarck in einer solchen Lage sicherlich auch als notwendig angesehen hätte. Aber das war für sie ja nicht zwangsläufig der "Normalfall" staatlichen Seins. Sie wurde nur gefordert im Angesicht der vielfältigen politischen Krisen und Probleme, in denen sich Deutschland damals befand.

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  1. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1940
  2. Lindenberg, Paul: Es lohnte sich, gelebt zu haben. Erinnerungen. Vorhut-Verlag Otto Schlegel, Berlin 1941 (370 S.) (GB)
  3. Bading, Ingo: Die Ludendorff-Bewegung im Spiegel des "Simplicissimus". Studiengruppe Naturalismus, 11. Februar 2012, http://studiengruppe.blogspot.de/2012/02/die-ludendorff-bewegung-im-spiegel-des.html
  4. Lindenberg, Paul: Unter Hindenburgs siegreichen Fahnen. Erzählung aus dem Weltkrieg 1914/15. Mit mehrfarbigem Umschlagbild von C. Röchling und Innenbildern von Willy Werner und A. Roloff Person. Paul Schreiter Verlag, Berlin [1918] (269 S.)
  5. Bading, Ingo: Ludendorff-Verehrung zwischen "Kunst, Kitsch und Krempel". Studiengruppe Naturalismus, 10. März 2013, http://studiengruppe.blogspot.de/2013/03/ludendorff-verehrung-im-bereich-von.html
  6. Bading, Ingo: "Gott ansehen mit klaren, fröhlichen, deutschen Augen". Der niederrheinische Schriftsteller Joseph von Lauff als Verehrer Erich Ludendorffs (1932). Studiengruppe Naturalismus, 23. Dezember 2010, http://studiengruppe.blogspot.de/2010/12/gott-ansehen-mit-klaren-frohlichen.html
  7. Ludendorff, Erich: Mein militärischer Werdegang. Blätter der Erinnerung an unser stolzes Heer. Ludendorffs Verlag, München 1935
  8. Schwipps, Werner: Garnisonkirche Potsdam. Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, 1964 (104 S.) (GB); Be.bra Verlag, 2001 (134 S.) (GB)
  9. Ludendorff in der Potsdamer Garnisonkirche, in: Germania, Nr. 544, 26.11.1919; Ludendorff in Potsdam, in: Germania, Nr. 545, 27.11.1919; Das Kultusministerium gegen die Potsdamer Totenfeier, in: Berliner Lokal-Anzeiger, 26.11.1919; Eine Kundgebung in der Garnisonkirche zu Potsdam, in: Tägliche Rundschau, 25.11.1919; Neue Ludendorff-Demonstration, in: Vorwärts, Nr. 604, 26.11.1919
  10. Grünzig, Matthias: „Der Geist von Potsdam“ gegen den „Geist von Weimar“. Vortrag auf der Tagung „Das Projekt Garnisonkirche“ in Potsdam am 18.3.2017, https://www.bundes-esg.de/fileadmin/user_upload/aej/Studium_und_Hochschule/Downloads/Themen/gruenzig_GarnisonkircheVortragGeistWeimarText.pdf
  11. Wrobel, Ignaz (d. i. Kurt Tucholsky: Zwei Mann in Zivil. In: Die Weltbühne, 27.11.1919, Nr. 49, S. 659, http://www.textlog.de/tucholsky-mann-zivil.html
  12. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Siedler-Verlag, München 2007

Montag, 28. August 2017

Ein unbändiger Wille zum Sieg und zum Überleben des deutschen Volkes

Ein kraftvolles Lied Otto Reutters, des Berliner "Charly Chaplin's", aus dem Oktober 1915

Einer sehenswerten Fernsehdokumentation des Jahres 2011 (1) kann man entnehmen, daß dem Berliner Kabarettisten, Blänkel- und Couplet-Sänger Otto Reutter (1870-1931) (Wiki) als Humorist die gleiche Weltbedeutung zugesprochen wird wie dem zeitgleich in München wirkenden Karl Valentin und dem zeitgleich in New York wirkenden Charly Chaplin. 

Leider können die Lieder dieses Otto Reutter leicht zu Ohrwürmer werden. Und diese Eigenschaft kann man dann doch als ein Merkmal für nicht besonders hohes musikalisches Niveau erachten. Dennoch kann mancher Liedtext als ein außerordentlich eindrucksvolles Zeitzeugnis dienen (Otto-Reutter). So insbesondere sein Lied "Nur Geduld" aus dem Oktober 1915 (Yt). In ihm spiegelt sich die damalige Kriegslage und die Stimmung im deutschen Volk sicherlich sehr gut wieder. Der Text dieses Liedes lautet:
Nur Geduld, nur Geduld, nur Geduld,
Wenn mal 'ne Pause kommt, die Deutschen sind nicht schuld.
Nur Geduld, wenn mal 'ne Kugel nicht gleich knallen will,
Nur Geduld, wenn mal 'ne Festung nicht gleich fallen will,
Nur Geduld, wenn sie sich etwas länger hält,
Weil 'se später doch auf alle Fälle fällt.
Nur Geduld, wenn nicht sofort ein Sieg zu haben ist,
Nur Geduld, wenn unser Heer im Schützengraben ist,
Nur Geduld, wenn uns're tapfere Armee
Schwingt zur rechten Zeit sich in die Höh, juchhe!
Nur Geduld, nur Geduld, nur Geduld,
Wenn mal 'ne Pause kommt, die Deutschen sind nicht schuld.
Solang ein Kämpfer noch wohlauf ist,
Solang ein Degen noch am Knauf ist,
Solange noch ein Schuss im Lauf ist,
Solang geht Deutschland nicht zu Grund!
Nur Geduld, wenn uns der Sturmwind um die Ohren weht,
Nur Geduld, wenn mal 'ne Kolonie verloren geht,
Nur Geduld, wenn der Japaner höhnisch grinst,
Denn wir holen alles wieder gut verzinst.
Nur Geduld, wenn mal der Brite was erreichen will,
Nur Geduld, wenn der Franzose nicht gleich weichen will,
Nur Geduld, kommt auf uns zu ein Russentrupp,
Schließlich krieg'n se doch 'n schönen Jruss von Krupp.
Nur Geduld, nur Geduld, nur Geduld,
Wenn mal ne Pause kommt, die Deutschen sind nicht schuld.
Solang ein Luftschiff im Verkehr ist,
Solang noch ein Soldat im Heer ist,
Solang ein Kreuzer noch im Meer ist,
Solang geht Deutschland nicht zu Grund!
Nur Geduld, wenn auch die Deutschen mal zurücke geh'n,
Nur Geduld, wenn sie nicht gleich durch Dünn und Dicke geh'n,
Nur Geduld, zur rechten Zeit, da kehr'n se um,
Geh'n energisch vor, dann weiß der Feind, warum.
Nur Geduld und nicht gleich sagen, "Nein, so geht das nicht",
Nur Geduld, wer nicht dabei ist, der versteht das nicht,
Nur Geduld, wer täglich lauert auf'nen Sieg,
So ein Schaf hat keene Ahnung von 'nem Krieg.
Nur Geduld, nur Geduld, nur Geduld,
Wenn mal ne Pause kommt, die Deutschen sind nicht schuld.
Solange noch die Erde rund ist,
Solang ein Gott mit uns im Bund ist,
Solang ein deutscher Arm gesund ist,
Solang geht Deutschland nicht zu Grund!
                                                             Otto Reutter
Otto Reutter
Aus diesem Liedtext spricht ein ungebärdiger und unbändiger, unverwüstlicher, kraftvoller Wille zum militärischen Sieg und zum politischen und militärischen Überleben Deutschlands als Großmacht. Man spürt deutlich: Für den Sänger würde die Weltgeschichte ihren Sinn verlieren, wenn Deutschland aus diesem Krieg mit einer entscheidenden Niederlage hervor ginge. Und das sind in der Tat sehr, sehr ungewohnte Töne für heutige deutsche Ohren. Und gerade deshalb wurde diesem Lied dieser Blogbeitrag gewidmet. Dieser unbändige Wille zum Leben und zum Überleben als Volk und als Kultur, auch als politische Großmacht und die Selbstverständlichkeit, mit der sie zum Ausdruck gebracht werden - sie muten erschütternd an aus dem Erlebnis heutiger Zeitläufte heraus. Aber darf ein Volk eine andere innere Haltung haben als jene, die hier zum Ausdruck gebracht wird? Und: Wenn es eine solche Haltung aufgibt, kann es dann langfristig als Volk überleben, zumal wenn kraftvolle Mächte am Werk sind, Völker als solche zu zerstören und zu vernichten?

Das ist wohl kaum möglich. Die Haltung von Otto Reutter aus dem Oktober 1915 ist für ein Volk wie das deutsche in der Lage, in der es sich damals befand, schlichtweg alternativlos. Und jeder, der etwas länger darüber nachdenkt, weiß das.

Für Otto Reutter selbst sollten das alles nicht nur Worte bleiben. Im Mai 1916 verlor er seinen eigenen Sohn in der Schlacht von Verdun. Ganz richtig wird über die Lieder von Otto Reutter vermerkt (Hans-Werner Kühl, 2006):
Chronologisch geordnet, vermitteln Reutters Couplets aufschlußreiche Einblicke in das gesellschaftliche Leben der Zeit wilhelminischer Hochkonjunktur. Im Unterschied zu Kabarettisten wie Rudolf Nelson u. a., die überwiegend für das Amüsement der mondänen Welt schrieben, wandte sich Otto Reutter mehr den alltäglichen Ereignissen und dem Leben der werktätigen Schichten zu.
Es gibt auch viele Lieder von ihm, die die Zeitstimmung nach dem Ende des Ersten Weltkrieges einfangen. Im August 1919 sang er über die "Kriegsgewinnler" (Yt). Im Oktober 1920 sang er ein nachdenkliches Lied über die "gute, alte Zeit" vor 1914, die damals noch ganz nah war: "Ich möcht erwachen beim Sonnenschein" (Yt). Im gleichen Monat sang er das ironische "Seh'n Sie, darum ist es schade, daß der Krieg zu Ende ist". Nach Einführung der Rentenmark 1924 sang er "Man wird ja so bescheiden" (Yt). Bis an sein Lebensende im Jahr 1931 hielt "Reutters schöpferische Unruhe" an, wie es heißt:
Reutters Monatsgagen erreichten bald Caruso'sche Höhen. Sein Fleiß blieb indes der gleiche.

Hintergrundmächte brauchen lange, die Völker entnervende  und "ermattende" Kriege


Der oben angeführte Liedtext, der in ihm zum Ausdruck gebrachte ungebärdige Siegeswille, aber auch viele andere Inhalte machen nachdenklich und lassen auch noch eine etwas grundlegendere geschichtlich Einordnung zu. Heute ist ja erahnbar und erkennbar, daß der Erste Weltkrieg - ebenso wie der Zweite - von den Hintergrundmächten, die bis heute die Kriege weltweit schüren, nicht nur zum Ausbruch gebracht worden ist, sondern auch am "Laufen" gehalten worden ist über vier Jahre hinweg dadurch daß man die beiderseitigen Kräfte jeweils gut im Gleichgewicht zueinander gehalten hat.

So schlug man den Deutschen durch das "Wunder an der Marne" im Herbst 1914 den Sieg aus den Händen. Dadurch, daß man Ludendorff Ende August 1914 den Oberbefehl in Ostpreußen gab, schlug man auch den Russen den dortigen sicheren Sieg aus den Händen. 

Weiterhin verlängerte man den Krieg dadurch, daß man nun auf deutscher Seite erst im Herbst 1916 Erich Ludendorff den Oberbefehl über die deutsche Gesamtkriegsführung gab. Hätte er ihn früher erhalten, wäre der Krieg wesentlich früher - durch einen deutschen Sieg über Rußland - zu Ende gewesen. Wäre er nur wenig später ernannt worden, wäre der Krieg wahrscheinlich ebenfalls - und zwar durch einen alliierten Sieg - zu Ende gewesen. Dann hätte es aber hinwiederum nicht zur Oktoberrevolution in Rußland kommen können. Auch das Ringen zwischen der "Ermattungsstrategie" von Falkenhayns und der "Vernichtungsstrategie" Ludendorffs gehört in diese Zusammenhänge und kann dem Liedtext zugeordnet werden. Der Liedtext reagiert auf die diffusen Stimmen, daß doch mit entscheidenden Schlägen der Krieg zügig zu Ende gebracht werden müsse - was in der Tat Ludendorffs Vernichtungsstrategie entsprach. Und der Liedtext versucht die Zuhörer darauf einzustimmen, daß die Ermattungsstrategie von Falkenhayns eben auch Rückschläge mit sich bringen müsse.

Man brauchte und braucht lange und die Völker schwächende und entnervende - "ermattende" - Kriege. Man braucht auch emotionale patriotische Höhenflüge (1933 bis 1938), die man dann in noch viel emotionaleren Tiefschlägen im tiefsten Kern "zusammen schlagen" muß (1945). Und nach so vielen emotionalen Extremsituationen wird man den ungebärdigen Lebenswillen eines Volkes, der im Oktober 1915 in dem Lied Otto Reutters noch so kraftvoll zum Ausdruck gekommen war, restlos zerschlagen haben. Natürlich inklusive Vergewaltigung des Volkes, Zerteilung des Volkes, vierzigjähriger Besatzungsherrschaft mit einhergehenden Indoktrinierungen und Umerziehungen. Welches große Volk der Weltgeschichte hat ein solch erschütterndes Schicksal hinter sich wie das deutsche Volk seit 1914? Sein Lebenswille ist zerschlagen mit Stumpf und Stil. Es befindet sich - wie alle Völker - in der Eisenklammer mehrerer haßvoller Hintergrundmächte. Und ihre Herrschaftsmethoden sind die ausgefeiltesten der Weltgeschichte.

Woher in dieser Situation noch den ungebärdigen Lebenswillen eines Otto Reutter hernehmen? Wenn sich unter den Deutschen selbst nicht eine Sehnsucht ausbreitet nach einem besseren Deutschland, nach einer besseren Welt - wo dann? Eine Sehnsucht, die sich nicht zerschlagen und zersetzen läßt, von keiner noch so ausgefeilten Herrschaftstechnik der Hintergrundmächte. Damit sich eine solche Sehnucht ausbreiten kann, und damit ausreichend Kenntnisse vorhanden wären, um alle Zersetzungsversuche zu durchschauen, wäre es wichtig, daß sich jene Kräfte, die das Volk erhalten wollen, auf eine Losung einigen. Es muß eine Losung sein, die - wenn sie einmal gewonnen ist - nur noch schwer manipulierbar ist. Es kann sich dabei nur um eine Losung handeln, die auf den ersten Blick ähnlich merkwürdig schief im heutigen deutschen Gefühlsraum steht wie das heute von Otto Reutters Lied aus dem Oktober 1915 gesagt werden muß.



/zuerst veröffentlicht 26.12.2016;
hinsichtlich der Lieddeutung 
stark erweitert:
28.8.2017/

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  1. Lebensläufe - Otto Reuter. Ein Film von Hans-Jürgen Teske und Heike Stejskal. 30 Min., MDR 2011, https://www.youtube.com/watch?v=ndQeTS9IUIo

Mittwoch, 16. August 2017

Alte oder neue Religion?

Erörterungen in Reserveoffiziers-Kreisen im Jahr 1935 
- Über Ludendorffs Buch "Der totale Krieg"

Im Jahr 1935 erschien das Buch von Erich Ludendorff "Der totale Krieg" (1). Im August 2017 wurde ein 19-seitiges Schreibmaschinen-Manuskript auf Ebay zum Verkauf angeboten, in dem ein Vortrag über dieses Buch enthalten ist. Über die Herkunft des Manuskriptes ist lediglich zu erfahren ("keilsrieder" / Ebay 8/2017):
"Der Brief wurde in einem staubspurigen alten Umschlag ohne Bezeichnung bei einem Berliner Trödler vor vielen Jahren gefunden, inliegend fand sich die kleine Photographie."
Die Fotografie stellt einen Wehrmachtoffizier zu Pferde dar (im Hintergrund zwei andere uniformierte Reiter) und war umseitig beschrieben mit:
"1940 Hannover Eilenriede"
Der Wehrmachtoffizier zu Pferde, der der Empfänger des Manuskriptes gewesen sein könnte, und der auch handschriftlich mit Bleistift seine Kommentare dazu geschrieben haben könnte, ist in den Unterlagen namentlich nicht benannt. Ebenso wenig ist der Verfasser des Manuskriptes bekannt. Die Eilenriede ist ein Wald- und Auengebiet innerhalb der Stadt Hannover.


Abb. 1: Rückseitig beschriftet: "1940 Hannover Eilenriede"


"Meine lieben Kameraden!"


Abb. 2: Manuskript,
1935, Seite 1
Der Inhalt des Manuskriptes macht aber schnell klar, daß es sich bei dem Verfasser um einen fähigen, intelligenten, sehr fest in der Sache stehenden und in der Sache ruhenden, zugleich einsatzbereiten damaligen Anhänger des Ehepaares Erich und Mathilde Ludendorff handelte. Die Zuhörer des Vortrages, der als Schreibmaschinen-Durchschlag in schriftlicher Form bis zu zehn Adressaten gehabt haben könnte, werden als "Meine lieben Kameraden" angesprochen. Und man will mit dem Vortrag
"einmal wirklich wieder Soldatentum in reinster Form"
erlebbar machen wie es im ersten Absatz heißt. Man kann sich schwer vorstellen, daß solche Worte von einem aktiven Offizier gesagt worden sein könnten. Deshalb könnte der Vortrag auf einem Ehemaligen-Treffen von Offizieren des Ersten Weltkrieges gehalten worden sein. Er könnte auch im Rahmen einer Reservisten-Kameradschaft gehalten worden sein.

Der Empfänger könnte 1940 auf der beiliegenden Fotografie als Reserveoffizier dargestellt sein, der inzwischen wieder zum Kriegsdienst eingezogen worden war (wie es ja mit vielen Teilnehmern des Ersten Weltkrieges geschah).

Am Ende des Manuskriptes wird auf den damaligen Abessinien-Krieg Italiens Bezug genommen, womit das Manuskript sehr gut in das Jahr 1935 datiert werden kann.

Auf den 19 Seiten wird der Inhalt des Buches "Der totale Krieg" - soweit übersehbar - sehr angemessen und mit der für einen Ludendorff-Anhänger und Offizier angemessenen Dringlichkeit und dem angemessenen Ernst dargestellt. Erich Ludendorff hätte sicher Grund gehabt, sich über dieses Vortragsmanuskript zu freuen, wäre es ihm zur Kenntnis gelangt.

Als Staatsmann hätte Ludendorff 1916 zum Frieden kommen müssen


Abb. 3: Manuskript
1935, S. 10
Allerdings stößt das Manuskript beim Empfänger laut dessen Anmerkungen auf zeittypisches Unverständnis. Auf Seite 10, auf der von der Notwendigkeit seelischer Geschlossenheit des Volkes die Rede ist, beruhend auf einer modernen Philosophie wie derjenigen von Mathilde Ludendorff, schreibt der Empfänger an den Rand:
"Das gemeinsame Christentum ist aber auch eine Geschlossenheit, während durch Schaffung einer neuen Religion oder Hervorholen der alten wieder ein Zwiespalt geschaffen wird. Der 30-jährige Krieg beweist dies leider!"
Schon der Inhalt dieser Worte legt nahe, daß sie tatsächlich noch im Jahr 1935 niedergeschrieben worden sind. Denn schon in den nächsten Jahren hatte nicht nur dieser Empfänger ausreichend Gelegenheit zu erkennen, daß das Christentum damals keineswegs mehr zur Geschlossenheit im Volk beitrug. Nahm doch der damalige "Kirchenkampf" zwischen Bekennender Kirche einerseits und Deutschen Christen andererseits so groteske Züge an, daß ab 1935 bis 1940 und mit jedem Jahr anwachsend die größte Kirchenaustrittsbewegung in Deutschland vor 1968 entstanden war. Somit darf man davon ausgehen, daß der Empfänger dieses Briefes so unbedarft auf die Inhalte des Vortrages schon im Jahr 1937 nicht mehr wird haben reagieren können. Im letzten Satz des Manuskriptes auf Seite 19 wird gesagt, wenn das deutsche Volk auf Ludendorff hören würde, würde
"der Deutsche Feldherr nicht für das deutsche Volk zu schade sein".
Abb. 4: Manuskript
1935, S. 19
Darauf bezugnehmend schreibt der Empfänger darunter wohl im zeittypischen schnoddrigen Reserveoffizierston:
"Der Staatsmann und Feldherr ist nie zu schade, wenn er sein Volk liebt und für es lebt und arbeitet, sonst kann er ja auch nach China gehen! Dieser Vortrag ist lediglich eine dürftige Besprechung des zwar problematischen aber ungelösten Bildes von Ludendorff, der zwar ein überragender Soldat aber kein Staatsmann war, sonst hätte er 1916 zum damals möglichen Frieden kommen müssen!"
Dahinter stehen Initialen, womöglich "PF".

Man bekommt hiermit einen kleinen Eindruck von Erörterungen wie sie in Kreisen von Reserveoffizieren der deutschen Wehrmacht im Jahr 1935 geführt werden konnten, wenn sich ein Ludendorff-Anhänger in diesen zu Wort meldete. Der Frage nachzugehen, wie weit verbreitet und vor allem auch begründet die Meinung war, Ludendorff hätte, wenn er wirklich Staatsmann gewesen wäre, 1916 zum Frieden kommen müssen, wäre einem eigenen Beitrag vorzubehalten. Sollte damit gemeint sein, daß er dafür auf den uneingeschränkten U-Bootkrieg hätte verzichten müssen, der in jenem Jahr eines der großen politischen Themen war, könnte man den Empfänger dieses Briefes als einen Menschen ansprechen, der zumindest bis 1933 eher christlich-liberalen politischen Ansichten zugeneigt haben wird.

Immerhin zeigt sich hier die Stimmung gegenüber Ludendorff, nach dem Tod Hindenburgs, und nachdem am 9. April 1935 von der Wehrmachtführung (Blomberg, Fritsch, Beck) der siebzigste Geburtstag Erich Ludendorffs unter Einwilligung desselben öffentlich sehr stark herausgestellt und gefeiert worden war. Völliges Ignorieren und verächtliches Abtun der Standpunkte Ludendorffs war nun sicher weniger häufig die Reaktion in Offiziers- und Reserveoffizierskreisen.

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  1. Ludendorff, Erich: Der totale Krieg. Ludendorffs Verlag, München 1935 (130 S.)

Dienstag, 11. Juli 2017

"Wir verlebten schöne Stunden in diesem Hause"

Das Ehepaar Ludendorff in Wildberg im Schwarzwald im Jahr 1929

Daß das Ehepaar Ludendorff vor allem bis 1933 viele Vortragsreisen durch ganz Deutschland unternommen hat, darüber ist schon in einem Artikel im letzten Jahr hier auf dem Blog hingewiesen worden (1). Mathilde Ludendorff setzte diese Vortragsreisen übrigens noch bis 1942 oder 1943 fort. Der folgende Artikel soll einiges wenige über eine solche Vortragsreise aus dem Januar 1929 berichten, und zwar insbesondere angeregt durch die freundliche Zusendung eines Bloglesers (siehe Abbildung 2).

Über die Vortragsreisen im Januar und Februar des Jahres 1929, die vom damaligen Tannenbergbund organisiert worden waren, schreibt Mathilde Ludendorff in ihren Lebenserinnerungen (6. Band, S. 17f):
Ernste Sorge stieg auf, als ich sah, wie Herr Ahlemann diese Vortragsreise zusammengestellt und angesetzt hatte. Sie mußte zu Überanstrengung führen, die - verbunden mit den Reisestrapazen des Winters - weder meinem Mann noch mir hätte zugemutet werden dürfen. Da die meisten Säle überdies zu klein waren, um die Menschen zu fassen, sollten Nachversammlungen und Führerbesprechungen folgen. Harmlos scheint also, im Vergleich zu den tatsächlichen Anstrengungen, die Ankündigung dieser Reisen in der Zeitung.
Sie schreibt, daß sie ihren Mann von dieser Vortragsreise auch angesichts der "sibirischen Kälte" dieser Wochen mit eindringlichem Zureden abhalten wollte, daß ihr das aber nicht gelang. Erich Ludendorff schreibt nun in seinen Lebenserinnerungen zunächst über eine vorangegangene Vortragsreise Ende November, Anfang Dezember 1928 (Bd. II, S. 203):
Ich sprach über "Kriegshetze und Völkermorden" und meine Frau über den "Kampf um die deutsche Seele". In meinem Vortrag ging ich auf die von mir bereits vorstehend skizzierten neuen Pläne der Jesuiten und Freimaurer gegen Sowjetrußland ein, wies aber auch auf die Bedeutung arteigener Glaubensgestaltung im Rahmen meiner Kampfziele hin. Meine Frau zeigte weiter deren Notwendigkeit.
Er setzt dann fort (II, S. 207):
Kaum war das Fest vorbei, als wir die Vortragsreise fortsetzten. Wir sprachen über die gleichen Themen wir vor dem Feste. (...) Die Reise war bei sehr starker Kälte (...) eine gewaltige Anstrengung. (...) Von Tübingen aus besuchten wir zwischen dem Vortrage daselbst und in Heilbronn Forstmeister Vögele in Wildberg im Schwarzwald. Bauern hatten von meiner Anwesenheit gehört und kamen nun in ihrer Not zu mir. Nun, ich sprach mit ihnen; Jungbauern waren auch in Heilbronn aus der weiten Umgebung zusammengekommen.
Abb. 1: Wildberg im Schwarzwald (Historische Postkarte)

Die Vortragsdaten und -orte sind in der Verbandszeitung des Tannenbergbundes "Deutsche Wochenschau" angekündigt worden (diese Daten werden richtiger sein als jene, die in den Lebenserinnerungen beider Ludendorffs stehen) (Dt. Wochenschau, 6. und 13.1.1929):
Unser Schirmherr und seine Gemahlin werden im Hartung 1929 in Württemberg folgende Vorträge halten: Am 13. Hartung in Tübingen, Museumssaal. Am 15. Hartung in Heilbronn, Harmoniesaal. Am 16. Hartung in Ulm a. Donau, Saalbau, je abends 8 Uhr. 
In der "Deutschen Wochenschau" erschien in der Ausgabe vom 3. Februar 1929 ein Bericht - "Ludendorff und Frau Ludendorff in Heilbronn und Ulm" - aus dem man einen gewissen Eindruck von dieser Reise erhält. In ihm heißt es zunächst über die Vorträge in Heilbronn (2):
Lange vor Beginn der Versammlung war der Gartensaal der Harmonie in Heilbronn gedrückt voll. (...) Die Versammlungsteilnehmer kamen aus allen politischen Parteien und Verbänden und ganz besonders fiel die große Anzahl der Jungbauern auf. Es mögen 400 gewesen sein. (...) Die Versammlung verlief ruhig und würdig. Nach dem Vortrag konnten dem Schirmherrn und seiner Gemahlin die Führer der Jungbauern vorgestellt werden. (...) Die Vortragsreise in Württemberg endete am 16. 1. in Ulm. (...) Die Polizei verhinderte "aus Sicherheitsgründen" die Ausgabe von mehr als 1500 Karten (Fassungsvermögen 2000). (...) Jeder fühlte, da oben steht der Mann, in dessen Kopf die gewaltigen Schlachtenpläne des Weltkrieges reiften. (...) Der anschließende Vortrag seiner Gemahlin (...) begeisterte Männer und Frauen in gleichem Maße und man bedauerte, daß man ihren Worten nicht noch länger lauschen durfte.
Es ist dann noch von einer Nachversammlung im Hotel die Rede, zu der Mitglieder des Tannenbergbundes aus ganz Südwestdeutschland gekommen waren (2):
Nach Mitternacht fuhren die Exzellenzen mit ihren liebenswürdigen Wirten (Th. Maier) nach Geislingen zurück.

Bei Forstmeister Voegele in Wildberg im Schwarzwald


Wir erhalten nun von einem Enkelsohn des oben in den Erinnerungen von Erich Ludendorff genannten Forstmeisters Voegele (von Dieter T. Schall aus Kempten) freundlicherweise den Gästebucheintrag Erich und Mathilde Ludendorffs, der aus dem Anlaß ihres Besuches bei ihm entstanden ist (siehe Abb. 1).

Abb. 1: Gästebucheintrag für Familie Voegele vom 14. und 15. Januar 1929

Tatsächlich paßt das Datum des Gästebucheintrages auch zu den Daten der Vortragsankündigung in der Wochenzeitung (nicht aber zu den Daten, die beide Ludendorffs in ihren Lebenserinnerungen angeben). In Tübingen fand der Vortrag am 13. Januar statt. Von dort fuhr das Ehepaar Ludendorff weiter nach Wildberg im Schwarzwald, von dort am 15. nach Heilbronn und von dort am 16. nach Geislingen an der Steige, bzw. nach Ulm.

Der Enkelsohn berichtet, daß sein Großvater, der Forstmeister Guido Voegele (1896-1974) und seine Frau Agnes, damals mit einer achtjährigen Tochter und einem Sohn in Wildberg im Schwarzwald wohnten. Der Großvater wurde aus gesundheitlichen Gründen früh "außer Dienst" gestellt ("a.D.") und zog dann mit der Familie in jene Dautenmühle bei Biberach an der Riß (sie ist heute Kulturdenkmal [Wiki]), in der auch noch der Enkelsohn aufgewachsen ist. (Agnes Voegele stammte ursprünglich von Schloß Bontenbroich in Jüchen - zwischen Aachen und Düsseldorf, PLZ 41163.) Die Gästebucheinträge lauten jedenfalls:
Das Ringen gilt Arterhaltung, Freiheit und Wohlfahrt!
Wir verlebten schöne Stunden in diesem Hause und wissen, daß in ihm Kampfgenossen leben.
14. u. 15.1.29. Ludendorff
"Von der Achsel Dir schiebe
Was übel Dir scheint
Und richte Dich selbst
Nach Dir selber."
                                 Edda
Mathilde Ludendorff
Der Enkelsohn berichtet nun weiterhin (Emails vom 9., 10., 12.7.17, Telefonat vom 11.7.17) über die Dautenmühle, daß
die Ludendorffs mit meinen Großeltern befreundet waren und in der Vergangenheit mein elterlicher Hof auch Material des Ehepaares Ludendorff beherbergt hatte. (...) Erich Ludendorff hatte auch viele seiner "Wissensdokumente" im Zeitraum der "Beschattung von Adolf" auf unserem Hof deponiert - leider entsorgten wir das Meiste. (...) Mein Großvater Guido war politisch sehr kundig.
Außer dem Gästebucheintrag schickt uns der Enkelsohn auch Abbildungen von fünf Bildern mit Hinterglasmalerei. Er schreibt dazu:
Die nachfolgend gezeigten, hochwertigen Hinterglasmalerei-Bilder zeigen verschiedene Motive aus dem Alten Testament. Es handelt sich laut der Staatsgalerie um eine wertvolle, zusammenhängende Serie. Nach dem weitergegebenen Wissen stehen sie in Verbindung mit der Zarenfamilie. Herr Ludendorff hatte diese Bilder mit einem Jagdsäbel aus der Verbindung zu dem Zaren Nikolaus II.. Meine Großeltern waren eng mit dem Ehepaar Mathilde und Erich Ludendorff befreundet. Als General Ludendorff zunehmend von Adolf Hitler „kontrolliert“ wurde, vermachte Herr Ludendorff die Bilder meinen Großeltern. (...) Ein Kunsthistoriker hat mich gebeten, die Bilder unbedingt geschützt in einem Museum aufzubewahren. 
Die fünf gerahmten Hinterglas-Gemälde - wohl am ehesten einem etwas süßlichen Stil des Biedermeier zuzuordnen - behandeln Themen aus dem Alten Testament (1. Samson hat die Philister mit einem Eselskinnbacken erschlagen, 2. Die Rückkehr mit der großen Traube aus Kanaan, 3. David und Bathseba, 4. Prophet und König, 5. Sodom und Gomorrha).

Wie Erich Ludendorff in den Besitz dieser Hinterglasmalereien gelangt sein könnte, ist vorderhand gar nicht zu sagen, eben so wenig, warum er diese Gemälde gerade dem Forstmeister Voegele vermachte und was das mit der Gegnerschaft des Ehepaares Ludendorff gegen die Naziherrschaft und den (hier auf dem Blog schon erörterten) Mordplänen Adolf Hitlers gegen das Ehepaar Ludendorff im Sommer 1937 zu tun gehabt haben könnte, bzw. mit den Nazi-Plänen zum "Überschlucken" der Ludendorff-Bewegung seit 1933. Daß Erich und Mathilde Ludendorff in jener Zeit Material an verschiedenen Orten hinterlegten für den Fall, daß gegen sie selbst oder die Ludendorff-Bewegung allgemein vorgegangen würde, ist auch sonst mehrfach bezeugt. Es bestand damals eine enge Zusammenarbeit und ein enger Zusammenhalt mit vielen "Mitkämpfern" im ganzen damaligen Deutschen Reich.

Vielleicht hatte Erich Ludendorff diese Bilder auf irgendwelchen Wegen als Geschenk erhalten. Vielleicht stammen sie aus herrenlos gewordenem Kulturgut irgendwo in Russisch-Polen, in den baltischen Ländern oder 1918 in der Ukraine, also aus jenen Gegenden, die von den deutschen Truppen unter dem Befehl Erich Ludendorffs zwischen 1914 und 1918 im Osten erobert worden sind. Im Jahr 1918 und danach sind ja insbesondere durch die russischen Revolutionäre solche Kulturgüter umfangreich geraubt und an das Ausland verkauft worden. Es würde sich hier aber - unseres Wissens - um den ersten Fall handeln, daß sich im persönlichen Besitz von Erich Ludendorff irgend etwas befunden hat, das in irgendeiner Weise als "Kriegsbeute" bezeichnet werden könnte. Also hier muß das meiste einstweilen völlig offen bleiben.

Ein Sohn  des Ehepaares Voegele ist im Zweiten Weltkrieg als Soldat gefallen. Vielleicht kann dieser Blogartikel gegebenenfalls noch ergänzt werden, wenn uns weitere Materialien, etwa Fotografien aus Familienalben oder anderes zur Verfügung gestellt wird.

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  1. Bading, Ingo: "Sie war eine glänzende Rednerin" Erich und Mathilde Ludendorff auf Vortragsreisen (1930 bis 1933). Auf: Studiengruppe Naturalismus, 24. April 2016, http://studiengruppe.blogspot.de/2016/04/erich-und-mathilde-ludendorff-auf.html
  2. o.N.: Ludendorff und Frau Ludendorff in Heilbronn und Ulm. In: Deutsche Wochenschau, 3.2.1929 

Ein kleiner Ausschnitt aus Erörterungen rund um naturwissenschaftliche Fragen in der Ludendorff-Bewegung der Jahre 1956 und 1957

Naturwissenschaftliche Fehlurteile von Mathilde Ludendorff werden richtig gestellt

Ab dem Jahr 1955 ist eine deutliche Intensivierung der geistigen Auseinandersetzungen innerhalb der Ludendorff-Bewegung zu verzeichnen*). Im Jahr 1955 erschien das schon seit Sommer 1942 ausgelieferte Buch "Siegeszug der Physik - Ein Triumph der Gotterkenntnis meiner Werke" mit einem neuen Anhang. Auch erfuhr damals die öffentliche Erörterung und Kritik rund um die friedliche Nutzung von Atomkernspalt-Energie eine Intensivierung. Die Ludendorff-Bewegung und vor allem Mathilde Ludendorff selbst gehörten damals zur ersten Generation der Atomkraft-Gegner und zu Befürwortern alternativer Energien. 

In diesen Zusammenhängen wurden auch vielfältig Fragen im Übergangsfeld von moderner Physik und Philosophie erörtert. Junge begabte Menschen, die damals Physik studierten, beteiligten sich an diesen Erörterungen. Im folgenden soll nun nur ein kleiner, erster Ausschnitt aus diesen Auseinandersetzungen gegeben werden.

Der Atomphysiker W. Rauscher über die Relativitätstheorie (März 1956)


So erschien in der Zeitschrift der damaligen Ludendorff-Bewegung mit dem Titel „Quell“, und zwar in den Folgen vom 9. und 23. März 1956 ein zweiteiliger Aufsatz des Atomphysikers Dr. W. Rauscher1. Er behandelte das Verhältnis zwischen der Relativitätstheorie von Albert Einstein und der Philosophie von Mathilde Ludendorff2. Mathilde Ludendorff begrüßte die Mitwirkung Rauschers, während der damalige Aachener Physik-Student Gerold Adam (1933-1996) (Wiki) zu einer ganz gegenteiligen Beurteilung kam. Hinsichtlich dieser Fragen sollte er dann einen Brief an Mathilde Ludendorff schreiben (der im Anhang dieses Beitrages wiedergegeben wird). Dem Aufsatz von Rauscher ist zu entnehmen, daß W. Rauscher damals in Verbindung stand mit dem Hamburger Theoretischen Physiker Pascual Jordan (1902-1980) (Wiki), einem der Mitbegründer der Quantenphysik. Jordan war unter anderem von Albert Einstein zum Nobelpreis vorgeschlagen worden, welcher ihm aber nicht zugesprochen worden ist, weil Jordan 1933 Mitglied der NSDAP geworden war. Jordan sollte sich auch nach dem Jahr 1956 noch deutlicher - als vielleicht bis 1956 sichtbar - als ein solcher streng rechtskonservativer Christ positionieren, als der er 1933 auch in die NSDAP eingetreten sein wird3.

Wie W. Rauscher in Verbindung mit diesem streng rechtskonservativen Christen gekommen ist, sagt er in seinem Aufsatz nicht. Der Aufsatz von W. Rauscher war erschienen in Vorbereitung auf die zweite sogenannte "Hochschultagung für Gotterkenntnis", die zu Ostern 1956 in Tutzing stattfand. Diese "Hochschule für Gotterkenntnis" war auf ausdrückliches Betreiben von Mathilde Ludendorff selbst ein Jahr zuvor begründet worden (s. Abb.). Mathilde Ludendorff bestimmte auch die Inhalte der jährlichen Tagungen derselben in den Folgejahren. Auf der zweiten "Hochschultagung" im Jahr 1956 hielt W. Rauscher nun - in Abstimmung mit Mathilde Ludendorff - einen zweiteiligen Vortrag.

Abb.: Vorträge der ersten
"Hochschultagung für Gotterkenntnis"
zu Ostern 1955

Auf der zweiten Hochschultagung für Gotterkenntnis (April 1956)


Der genannte Physik-Student Gerold Adam war unter den Zuhörern dieser Tagung. Die Inhalte dieser Tagung können sowohl dem Bericht über diese 2. Hochschultagung entnommen werden, der im „Quell“ vom 23. April 1955 erschienen ist4, als auch dem schon genannten nachfolgenden persönlichen Brief von Gerold Adam an Mathilde Ludendorff (siehe Anhang). In ihrer Eröffnungsansprache hatte Mathilde Ludendorff der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Forschungen eines Viktor Schauberger (1885-1958)5 eine Energieform zutage bringen würden, die eine Alternative zur Atomenergie darstellen könnte. In einem Aufsatz6 sollte Gerold Adam wenig später darauf hinweisen, daß man es hier mit Scharlatanerie und obskurer Pseudowissenschaft zu tun habe. Mathilde Ludendorff kam dementsprechend später auch nicht mehr auf diesen Namen zu sprechen. Weiter sagte Mathilde Ludendorff dann:
Am zweiten Morgen wird der Atomphysiker Rauscher den ersten Teil, am dritten Abend den zweiten Teil seines Vortrages halten, indem er Ihnen zeigt, daß die jüngsten Forschungen der Atomphysik ganz ungewollt und ohne Kenntnis meiner Werke die Worte der „Schöpfungsgeschichte“ auf das wunderbarste bestätigen, wenn sie den Übergang aus der Vorerscheinung, dem Äther, in diese Erscheinungswelt und die Einordnung der Erscheinung in die drei Formen Raum, Zeit und Ursächlichkeit als eine fließende bezeichnet hat.
Es wurde auch die Veröffentlichung aller gehaltenen Vorträge angekündigt. Zu dieser Veröffentlichung kam es dann auch, allerdings kam dabei der Vortrag des Atomphysikers Rauscher - soweit übersehbar - dann doch nicht zur Veröffentlichung. Der Grund dafür wird sicher nicht zuletzt auch in dem genannten persönlichen Brief von Gerold Adam an Mathilde Ludendorff gelegen haben.

Ein Physik-Student schreibt an Mathilde Ludendorff (Juni 1956)


Am 24. Juni 1956 schrieb der damals 23-jährige Physikstudent Gerold Adam von Aachen aus einen dreiseitigen Brief an Mathilde Ludendorff, in dem er scharfe Kritik übte an den „Quell“-Aufsätzen von Dr. Rauscher, mehr aber noch an den Vorträgen desselben auf der Hochschultagung in Tutzing (siehe Anhang).

Die Äußerungen von Mathilde Ludendorff auf der dritten Hochschultagung im Folgejahr, sowie ihre künftige Nichterwähnung Viktor Schaubergers deuten daraufhin, daß sie diesen Brief mit Zustimmung gelesen haben wird. Um so verwunderlicher muß es erscheinen, daß sie dann - offenbar - nicht Gerold Adam selbst aufgefordert hat, über Übereinstimmungen zwischen Philosophie und moderner Physik auf einer folgenden Hochschultagung zu sprechen. Auch muß verwunderlich erscheinen, daß sie, wie Gerold Adam an anderer Stelle später angegeben hat, ihm nur durch ihren Mitarbeiter Edmund Reinhard eine „nichtssagende Antwort“ auf seinen Brief hat zugehen lassen. Aus dem Nachhinein möchte es einem richtiger erscheinen, wenn sie auf so schwerwiegende Einwände gegen ihre eigenen Urteile auch selbst geantwortet hätte und das ausführlichere Gespräch mit Gerold Adam gesucht hätte. Eigentlich hätte man doch auch erwarten können, daß sie öffentlich etwas richtig stellt, was sie augenscheinlich nicht mehr für empfehlenswert halten konnte (nämlich Rauschers Ausführungen und Schaubergers „Erfindung“). Aber diese Beobachtung muß auch nicht gar so hoch gehängt werden. Gerold Adam schrieb übrigens auch:
Die Vorträge von Herrn Knake, die sich ja auch mit den Beziehungen zwischen Philosophie und Physik befaßten, haben mir gut gefallen. Sie waren sachlich einwandfrei.
Das bezog sich auf den Autor Wilhelm Knake (1900-1979), über dessen Leben hier auf dem Blog schon ein Beitrag erschienen ist (7).

Mathilde Ludendorff nimmt noch einmal Stellung (April 1957)


Auf der dritten Hochschultagung für Gotterkenntnis kam Mathilde Ludendorff am 19. April 1957 in ihrem Vortrag noch einmal in der folgenden Weise auf die Themen des Vorjahres zu sprechen (Quell 10/57, S. 446-453):
Nach unseren Erfahrungen der beiden ersten Tagungen werden wir diesmal - und auch in Zukunft - deshalb von Diskussionen über die Vorträge absehen, weil dann das Absinken von dem Wesentlichen sich nicht vermeiden läßt.
Als im letzten Jahre Herr Rauscher in einem Vortrage zeigte, wie weitgehend jüngste Forschungen der Atomphysik mein Werk „Schöpfungsgeschichte“ insofern bestätigen, als ich darin bei dem Werden der Schöpfung von einem fließenden Eingehen Gottes in die Vorerscheinung, den Äther, und dann in die Formen der Erscheinung spreche, war damit für uns Wichtiges gegeben. Da aber die Fachwissenschaftler feststellen mußten, daß die Beweisführung in diesem Vortrage keineswegs die Wortgestaltung wählte, wie die Fachwissenschaft sie als exakt erklärt hat, wurde bei den Diskussionen über den Vortrag das eben genannte Wesentliche fast vergessen, oder zumindest auch für erschüttert gehalten. Mein Wunsch, schon auf dieser Tagung diese Frage, inwiefern die Atomphysik das fließende Eingehen in die Formen der Erscheinung heute bestätigt, von einem Atomphysiker heute behandeln zu lassen, der auch die Wortgestaltung fachwissenschaftlich exakt wählt, ist mir nicht gelungen. Hoffentlich wird dies aber auf der nächsten Hochschultagung doch wohl möglich sein.
Ob sie an Gerold Adam eine solche Bitte herangetragen hat, ist einstweilen nicht bekannt. Vielleicht hat sie Gerold Adam dafür noch als zu jung erachtet. Er war damals erst 24 Jahre alt. Allerdings hatte Edmund Reinhard im Vorjahr schon die Urteilsfähigkeit von Gerold Adam dadurch anerkannt, daß er Ausführungen seinerseits zu Fragen im Übergangsfeld zwischen Naturwissenschaft und Philosophie anerkennend zitierte (8). Auch hatte Mathilde Ludendorff physikalische Korrekturen von Gerold Adam im Vorjahr dem Anhang ihres Buches "Siegeszug der Physik" eingefügt.

Auch aus sonstigen damaligen Veröffentlichungen von Gerold Adam geht hervor, daß er sich in jener Zeit ebenso wie später durchaus in manchen Einzelheiten als Naturwissenschaftler behutsam kritisch über die eine oder andere Aussage von Mathilde Ludendorff äußern konnte. Ansonsten ging es ihm aber damals wie auch später noch vor allem darum, auf die vielfältigen Übereinstimmungen zwischen moderner Naturwissenschaft und der Philosophie von Mathilde Ludendorff hinzuweisen, bzw. darauf, daß sich die naturwissenschaftliche und die philosophische Aussage zu einem Gesamtbild gegenseitig ergänzen. 

Anhang


Der Brief Gerold Adams an Mathilde Ludenorff aus Aachen vom 24. Juni 1956 (das darin erwähnte mitgeschickte Manuskript liegt uns leider - noch - nicht vor):
Sehr verehrte Frau Dr. Ludendorff!
Trotzdem die Tagung der Hochschule für Gotterkenntnis schon einige Zeit zurückliegt, möchte ich Ihnen heute in einer Angelegenheit schreiben, zu deren Klärung in den Tagen in Tutzing keine Gelegenheit war.
Ich habe ernste Bedenken zu den Vorträgen, die von Herrn Dr. Rauscher im Rahmen der Hochschule gehalten wurden, sowie zu den Abhandlungen im Quell, Folge 5 und 6.
Es erscheint mir unmöglich, die Synthese zwischen naturwissenschaftlicher und philosophischer Erkenntnis in einer Vermischung der beiden Erkenntnisweisen bei der naturwissenschaftlichen Beschreibung der dem Äther nahestehenden Stufen der Erscheinung sehen zu wollen. Es ist wohl richtiger in den Fällen, wo dies naheliegen könnte, die Grenzen der kategorialen Beschreibung, also der Vernunfterkenntnis, festzustellen.
Wenn ich in meinen beigefügten Ausführungen der Tendenz bei Dr. Rauscher, die naturwissenschaftliche Erkenntnis mit der philosophischen zusammenfließend fortschreiten zu sehen, einige Bedenken entgegenstelle, so ist leider eng damit verknüpft, auf eine Anzahl unrichtiger Wiedergaben physikalischer Ergebnisse einzugehen. Da einerseits das Ausmaß der physikalischen Irrtümer beträchtlich ist und wir andererseits gerade in unserer Hochschule an die sachliche Unantastbarkeit und Wahrhaftigkeit besonders strenge Maßstäbe anlegen müssen, erscheint mir das Eingehen auf die sachlichen Fragen wichtiger, als es vielleicht aus meinen beigefügten Ausführungen hervorgeht. Aber leider habe ich mir während der Vorträge nur ganz wenige Aufzeichnungen machen können, sodaß ich in der unangenehmen Lage bin, mich auf nur sehr wenig Gedankengänge der Vorträge beziehen zu können, die ich nicht einmal wörtlich habe. Doch war ich nach den Vorträgen von Dr. Rauscher erschüttert von dem gebotenen Wust an Irrtum und Irreführung, vor allem auf physikalischem Gebiet, daß ich mich verpflichtet fühle, meine Bedenken zu äußern.
Ich glaube, daß es dem Sinne unserer Hochschule entgegensteht, die Gotterkenntnis durch Verbindung mit unrichtigen Anschauungen über physikalische Erscheinungen angreifbar zu machen. Genau das wird aber bewirkt, wenn man diese Anschauungen eine Ableitung eines Naturbildes aus „Schöpfungsgeschichte“ (1. Vortrag) oder „Ludendorffsche Physik“ (2. Vortrag) nennt. Neben der Verantwortung gegenüber der Gotterkenntnis wie gegenüber der Physik, steht diejenige gegenüber den Teilnehmern der Hochschule. Dieser wird aber nicht entsprochen, wenn Dr. Rauscher Zusammenhänge als Ergebnisse der Physik darbietet, die ihr nicht zugehören, oder Verknüpfungen solcher Zusammenhänge mit der Gotterkenntnis herstellt, ohne dies zu begründen.
Wenn Sie es als notwendig ansehen, würde ich mich gern anhand der Vortragsunterlagen noch einmal zu den Vorträgen genauer äußern. Meine Ausführungen zu den Quellabhandlungen von Dr. Rauscher habe ich als Anhang beigefügt. Weil ich hier die Ausführungen von Dr. Rauscher vollständig zur Verfügung hatte, könnten sie den Eindruck erwecken, als wären die Quellabhandlungen physikalisch und methodisch weit bedenklicher als die Vorträge. Da mir die Vorträge aber weit mehr einer Klarstellung bedürftig erscheinen, habe ich auch im wesentlichen auf die Beurteilung der Behandlungsweise der Quellabhandlungen verzichtet. Ich hoffe aber, daß die Unmöglichkeit eines solchen Vorgehens auch hier unmittelbar ersichtlich ist, zumal das Verfahren auch die Vorträge von Dr. Rauscher kennzeichnet. Ein Beispiel dafür sind etwa die im Punkt 27.) des Anhangs zitierten Ausführungen, wo die Begründung sich in einer vielfachen, suggerierenden Wiederholung einer Aussage erschöpft, wobei gerade die dort vorliegenden Zusammenhänge mit Worten nicht ausgedrückt werden können.
Die Vorträge von Herrn Knake, die sich ja auch mit den Beziehungen zwischen Philosophie und Physik befaßten, haben mir gut gefallen. Sie waren sachlich einwandfrei.
Ich möchte schließlich noch zu der Erfindung von W. Schauberger erwähnen, daß ich nach dem Studium der Schrift „Implosion statt Explosion“ von L. Brandstätter keinen Anlaß mehr zu der Meinung sehe, daß die Erfindung in der angegebenen Weise physikalisch möglich ist. Es ist eine altbekannte Tatsache in der Strömungslehre, daß im Wasser infolge der Verschiebungselastizität kein Sog ohne den zugehörigen Druck entstehen kann. Diamagnetismus ist eine magnetische Stoffeigenschaft, die nicht durch mechanische Bewegung erzeugt werden kann, sondern die immer in den diamagnetischen Stoffen vorhanden ist, sich aber erst bei Anlegen eines Magnetfeldes äußert. Im übrigen widerspricht die Neuerzeugung von Materie oder Energie, wie eigentlich fast jede einzelne Aussage in der genannten Broschüre den Gesetzen, denen die Erscheinungswelt eingeordnet ist, und deren ausnahmsweise Ungültigkeit anzunehmen kein Anlaß besteht. Durch die Einsicht, die mir freundlicherweise Herr Pahde aus Duisburg in seinen Schriftwechsel mit Herrn Brandstätter erlaubte, erfuhr ich, daß auch Herr Brandstätter angibt, er sei „von der Richtigkeit der Schaubergerschen Entdeckungen nicht durch schlagkräftige Beweise überzeugt worden“. Schaubergers Argumente und Ideen seien ihm nur durch sein esoterisches Wissen verständlich geworden. Weiterhin: „Die esoterischen Überlegungen bilden für mich und meine Freunde die Grundlage dafür, daß die Entdeckungen Schaubergers im Prinzip richtig sind.“
Soweit ich es übersehen kann, versucht man die Abneigung der Menschen gegen Atomenergie für okkulte Richtungen auszunutzen, indem man vorspiegelt, auf esoterischem Wege einen Ausweg aus den ernsten biologischen und technischen Problemen gefunden zu haben. Brandstätter ist Schriftleiter im Verlag für „Lebendige Ethik und Agni-Joga“.
Mit freundlichen Grüßen auch von meinen Eltern und dem Wunsche:
Es lebe die Freiheit!

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*) Dieser Beitrag gründet auf einer ausführlicheren Ausarbeitung (9) und stellt einen Auszug aus derselben dar.
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1 Laut „Google Scholar“ gab es einen Atomphysiker Wolfgang Rauscher am „Institut für Physikalische Chemie der Universität Stuttgart“ (Veröffentlichungen: Reactivity of organic dye triplet states in electron transfer processes, 1976; Photochemische Untersuchungen zur Reaktivität organischer Farbstoffe in Elektronenübertragungsprozessen, 1978; Reactivity of acridine dye triplet states in electron transfer reactions, 1979; Singlet and Triplet Reactivity in Electron Transfer Reactions, 1981). - Unwahrscheinlich wird sein, dass es sich um den amerikanische Chemie-Professor William H. Rauscher (1903-1972) (http://www.rpi.edu/dept/science/www/Research/Polymer/lecture_rauscher.html) gehandelt hat, der am „Department of Chemistry, Rensselaer Polytechnic Institute, Troy, New York“ in der Polymerchemie-Forschung tätig war und offenbar auch – zusammen mit deutschen Forschern – in deutschen chemischen Fachzeitschriften publizierte.
2 Rauscher, W.: Einige Betrachtungen zu den Relativitätstheorien - Als Ergänzung zur Schöpfungsgeschichte Mathilde Ludendorffs. In: Der Quell, 9. und 23. März 1956, S. 222-230, 262-269
3 Jordan war (s. Wikip.) nicht nur Christ, sondern wurde ab 1957 auch Bundestagsabgeordneter für die CDU und Befürworter der Atombewaffnung der Bundeswehr. Auch in diesem Punkt wich er also deutlich von der Haltung Mathilde Ludendorffs ab. 1966 war er auch Mitbegründer der rechtskonservativen Evangelischen Notgemeinschaft in Deutschland (EniD). Noch heute definiert sich diese laut Wikipedia folgendermaßen: Die ENiD ist ein Zusammenschluss von nationalgesinnten deutschen Protestanten, die der Innere Notstand der Kirche bewegt und die sich angesichts der Herausforderungen der Gegenwart an das biblische Zeugnis im reformatorischen Verständnis gebunden wissen. Kirche muss Kirche bleiben! Zweck des Vereins ist die Besinnung auf den Auftrag der Kirche, der in der rechten Verkündung des Evangeliums besteht. Daraus ergibt sich notwendig auch die Treue im Umkreis der irdischen Pflichten zur Familie, zum Nächsten, zu Volk und Vaterland. Mit Bezug auf Luther, die Bibel und der Evangelien berufen wir uns auf die nationale Identität, die Familie und das ungeborene Leben. Wir erkennen die Oder-Neiße-Linie nicht als natürliche Staatengrenze an. Wir verstehen es als Selbstverständlichkeit, dass die Natur von Gott gegeben anerkannt wird. Wir sind gegen homosexuelle Eheschließungen und verachten den von den Etablierten initiierten „Karriere-Geist“ der Frauen. Die Frau sollte beruflich nicht benachteiligt sein, dennoch ihre Rolle als Mutter ernst nehmen und ehren. Einen Sozialismus in der Form, wie er existierte, lehnen wir in jedem Fall ab, da er zwingend in eine Diktatur läuft. Somit werden wir uns niemals einem kommunistischen Staat beugen, der die Kultur des abendländischen Deutschlands in Frage stellt.“
4 o.V.: Die 2. Hochschultagung in Tutzing. In: Der Quell, Folge 8, 23.4.1956, S. 360-367
5 http://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Schauberger
6 Adam, Gerold: Fragwürdiger Streit um die Atomenergie. In: Forschungsfragen unserer Zeit, Lieferung 1/2 1957 (ausgeliefert im Mai 1957) In einer Buchbesprechung werden die pseudowissenschaftlichen, in ein esoterisches Umfeld eingebetteten Ideen von Schauberger behandet. Gerold Adam führt aus, daß die diese Ideen bewerbende Schrift von einem Reklamefachmann nicht besser hätte verfaßt sein können. Einem solchen, dem es (nach einem von Adam zitierten Wort Bertrand Russell's) auch noch gelingen würde, die Menschen davon zu überzeugen, daß Schnee schwarz ist.
7 Bading, Ingo: Von Sumatra bis Athen - Ein welterfahrener Autor der Ludendorff-Bewegung Das Leben von Wilhelm Knake, eines Autors naturwissenschaftlicher Aufsätze der 1950er Jahre. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 1. November 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/11/von-sumatra-bis-athen-ein.html
8 Reinhard, Edmund: Eine wesentliche Antwort. In: Der Quell, Folge 19, 9.10.1955, S. 891-893
Bading, Ingo: Erörterungen rund um naturwissenschaftliche Fragen in der Ludendorff-Bewegung vor 1961. Unveröffentlichtes Manuskript, 2015

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