Samstag, 23. Januar 2016

"Nobodies Memories" - Ein Leben als Sohn von prügelnden Ludendorff-Eltern

Der Journalist und Übersetzer von "Geheimakte Mossad" Einar Schlereth

In der Erziehungslehre und in der Moral der Philosophie von Mathilde Ludendorff werden Körperstrafen und körperliche Züchtigung nur selten erörtert. An einer Stelle, an der Mathilde Ludendorff darauf zu sprechen kommt, schreibt sie1:
Es ist die gänzliche Hilf- und Rechtlosigkeit des Kindes seinem Erzieher gegenüber, die hier einen sittlich nicht gefestigten Menschen verlockt, die tatsächliche Macht voll auszunützen und in Tyrannei gegenüber dem Kinde zu entarten. Es könnte uns grausen vor des Kindes furchtbarer, hilfloser Lage, denn tatsächlich greift der Staat ja nur selten, in ganz außergewöhnlichen Fällen der körperlichen Misshandlung der Kinder ein.
Und weiter heißt es:
Es gibt Kinder genug, deren ganze Kindheit ein Leid ohne Ende unter einem hemmungslosen Tyrannen ist. Er unterwirft sich des Kindes Willen auf Kosten alles kostbaren Seelengutes. Er scheut sich keineswegs, den Stolz des Kindes mit Füßen zu treten. Ja, er duldet in seiner Umgebung und vor allem bei seinem Kinde nur den krummen Rücken. Von ihm, dem gänzlich rechtlosen, ganz auf seine Fürsorge angewiesenen Menschen, erwartet er Sklavendienste!
Eine solche soeben beschriebene Erfahrung scheint der Altlinke, Journalist und Übersetzer Einar Schlereth (geb. 1937)2 mit seinen Eltern gemacht zu haben. So berichtet er es in seinen 1993 verfassten und 2013 veröffentlichten Erinnerungen3. Frappierend nur: Seine Eltern waren überzeugte Anhänger dieser Philosophie von Mathilde Ludendorff. Und sie setzten sich für ihre Verbreitung ein und hatten sogar schriftlich erklärt, ihre Kinder im Sinne dieser Philosophie zu erziehen.

Einig mit Mathilde Ludendorff bezüglich ihrer Religionskritik

Bevor darauf eingegangen wird und bevor auch dargestellt werden soll, dass sich Einar Schlereth aufgrund dieser Erfahrungen ganz von dem Gedankengut der Philosophie Mathilde Ludendorffs abgewandt hat, soll doch auch erwähnt werden, dass er die eine oder andere Gemeinsamkeit mit Mathilde Ludendorff bis heute beibehalten hat in der Beurteilung gesellschaftlicher Verhältnisse. Seine Familie lebte nach 1945 in Bad Neustadt an der Saale, wo Einar Schlereth ab dem achten Lebensjahr an aufgewachsen ist. Über den dortigen Beginn seines lebenslangen Nachdenkens und Schreibens berichtet er:
Wenn ich es recht überlege, dann sind es mindestens 40 Jahre. Damals, als ich begann zu schreiben oder vielmehr nachzudenken. Über all die Heuchelei und Verlogenheit. Die Eltern, die ihr Zusammenleben auf einer Lebenslüge aufbauten; die Nachbarn, die Bewohner der kleinen Stadt, der Dörfer drumherum, die alle so gut katholisch und fromm waren, dass sie uns Flüchtlinge in den tiefsten Grund der Hölle wünschten. Damals, als ich begann, an dieser Welt zu leiden, begann, mich nach einer besseren Welt zu sehnen. Als mir klar wurde, dass ein gut Teil der Schuld an der Verlogenheit der Welt die Religion trägt, damals, als ich mit einem komplizierten Beinbruch Monate im Bett zubrachte. Viel später gewann Marx allein schon deshalb meine Sympathie, weil er meine Gedanken schon 100 Jahre früher gedacht hatte. (…) Nirgends auf der Welt gibt es nur den Ansatz des Willens, die Religion zu bekämpfen. Ganz im Gegenteil.
Und:
Wenn ich dieses Pfaffengesindel in seinen Weiberröcken schon sehe, läuft mir die Galle über. Kürzlich standen wir vor der Kathedrale von Málaga, wo offenbar ein hoher kirchlicher Würdenträger zur Predigt erwartet wurde. (…) Mir machen diese Typen auch Angst. Es ist die Angst vor der potentiellen Macht, die sie u.U. ausüben könnten. (…) Aber die Menschen sehen das nicht. Sie werden offenbar von dem Schwarz des Pfaffenrocks geistig gelähmt, so dass sie gar nicht die Kanaille sehen können, die darinnen steckt, sondern nur den Vertreter der Kirche und Gottes. Diese These hat ja die Frau von Ludendorff vertreten.
Weiter schreibt er:
Sie war der Meinung, dass - genau wie für Hören, Sehen, Fühlen, Sprechen - im Gehirn ein bestimmter Part für religiöse, mystische, transzendentale Gefühle und Gedanken zuständig ist.
Das war nun keineswegs die Meinung von Mathilde Ludendorff. Vielmehr gibt es heute einige Evolutionäre Religionswissenschaftler, die in dieser Weise über den Aufbau des menschlichen Denkens spekulieren (etwa die Theorie von den „Modulen“ nach John Tooby und Cosmides). Mathilde Ludendorff aber hat das so nicht gesagt. Der wahre Kern dieser Ausführungen ist, dass sie gesagt hat, dass es „Inseln“ des „induzierten Irreseins“ im menschlichen Denken geben kann, die es erklären, dass ansonsten kluge und intelligente Menschen, wenn man auf religiöse oder okkulte Themen zu sprechen kommt, sich plötzlich als überzeugt von Wahnvorstellungen zu erkennen geben, was sehr merkwürdig abstechen kann von ihrem sonstigen klugen und nüchternen Denken.

Abb. 1: Die Eltern von Einar Schlereth: "Zum Deutschen Gotterkennen haben sich bekannt ..." (April 1937)
Dieses induzierte Irresein ist - wie der Name schon sagt – nach Mathilde Ludendorff und ihrem Lehrer Emil Kraepelin (von dem der Ausdruck stammt) nicht angeboren, sondern erworben, „induziert“, sprich übertragen. Die Vorstellungen, die da induziert sind, können archaische sein. Und sind es auch sehr oft, wenn nicht meist. So wie Religionen und ihre Vorstellungswelt ja aus früheren Jahrtausenden stammen. Aber das hat – zumindest nach Mathilde Ludendorff – zunächst nichts mit irgendeiner räumlich zu beschreibenden Region im Gehirn zu tun, in dem dieser Wahn verschaltet wäre mitten im übrigen menschlichen Denken und Vorstellen. Darüber war ja zu ihren Zeiten noch viel zu wenig bekannt. Und darüber ist auch heute noch nicht gar zu viel mehr gesichertes Wissen. Dies also sei zuvor richtig gestellt, bevor Einar Schlereth weiter zitiert wird:
Die archaische Dominanz dieses Gehirnteils schalte automatisch den Teil für Zweifel und kritisches Denken aus.
Nein, nicht archaische Dominanz eines Gehirnteils, sondern einfach die Dominanz einer induzierten Wahnvorstellung. Weiter Einar Schlereth über Mathilde Ludendorff:
Obwohl diese Dame sehr viel Unsinn von sich gegeben hat, erschien mir dieser Ansatz immerhin eine Erklärung dafür zu bieten, dass selbst kluge und intelligente Menschen in Sachen Religion mit absoluter Blindheit geschlagen sein können, unfähig eines normalen, vernünftigen Gedankens, so dass man tatsächlich von Gehirnamputierten sprechen kann bzw. von Gehirnwäsche (in keinem anderen Fall ist dieser Terminus des Kalten Krieges angebrachter). Und es wäre eine Erklärung dafür, dass mit Vernunft und Aufklärung dieser Gehirnlähmung nicht beizukommen ist. Und so lange sie über die Muttermilch eingesogen wird, auch nicht beizukommen sein wird.
Einar Schlereth lebt heute auf einem Dorf in Schweden. Er betreibt von dort aus einen vielgelesenen Journalismus-Blog4. Seine Berichterstattung und Kommentare sind angesiedelt im Bereich einer sehr kritischen und alternativen Öffentlichkeit. Er beschäftigt sich auch viel mit der Dritten Welt. In seinem Leben hat Einar Schlereth als Übersetzer viele wertvolle Bücher aus dem Englischen ins Deutsche gearbeitet. Von den vielen sei nur das wichtige Buch „Der Mossad“ von Victor Ostrovsky genannt.

„Anerkennung für tatkräftige Bezieherwerbung“ (1937)

Wie die Eltern von Einar Schlereth so werden konnten, wie sie geworden sind, wird nicht so recht klar. Hat sie die Ehe selbst so verändert und verbittert oder gab es noch andere Gründe und Ursachen? Einar Schlereth beschreibt seinen Großvater Schlereth väterlicherseits eigentlich als einen sympathischen Menschen, den er auch selbst immer sympathisch gefunden hat. Dieser war Lokomitiv-Führer Bad Neustadt an der Saale, am Südrand der Rhön, wohin die Familie nach ihrer Vertreibung aus Westpreußen auch zurück kehrte. Dieser belesene Mann besaß nach Einar Schlereth 8000 Bücher. Schon er war kein Christ mehr gewesen und politisch liberal eingestellt.

Abb. 2: "Es werden im Sinne Deutschen Gotterkennens erzogen: Einar Thorsten Erich Schlereth" (4. April 1938)
Einar Schlereth berichtet dann über seinen Vater Fritz Max Schlereth (1909-1967). Und dieser ist ebenfalls in Bad Neustadt an der Saale aufgewachsen, er hat dann in Leipzig studiert und ist aus irgend einem Grund Ludendorff-Anhänger geworden die Gründe und Umstände, aus denen heraus er es geworden ist, werden nicht genannt). Und dieser Vater - so fügen wir im folgenden aufgrund eigener Recherchen nachträglich im April 2016 ein, nachdem uns Einar Schlereth darauf angeschrieben hat - war spätestens seit 1933 (12) bis 1945 Mitarbeiter, bzw. Schriftleiter der damals bedeutendsten Provinz-Zeitung Westpreußens, nämlich der 1920 gegründeten "Weichsel-Zeitung" in Marienwerder (13). Sie erschien im Weichsel-Verlag GmbH, Marienburger Strasse 41-42, bzw. im Verlag Weichsel-Zeitung. 1930 hatte sie eine Auflage von 13.500 (20).

Chefredakteur dieser Zeitung war zwischen 1925 und 1931 ein Ernst Booz (20) (GB) und 1933 ein Erich Balla (21). Bei dem letzteren könnte es sich um jenen legendären ostpreußischen Offizier und Freikorpsführer der "Eisernen Division" von 1919 Erich Balla (1885-1943) handeln, der 1921 Zivilist wurde und militärgeschichtliche Schriften und Aufsätze veröffentlichte, der 1934 als Offizier reaktiviert wurde und 1943 als Regimentsführer im Kampf gegen Partisanen im Osten fiel (Wiki).

Herausgeber der Zeitung war 1937 ein Werner Hildebrandt (19) und 1939 der einstmalige nationalliberale Posener Stadtrat Dr. Max Krause (13). Krause lebte nach 1918 zeitweise in Königsberg und ab 1922 in Schneidemühl. Dort war er auch Oberbürgermeister (14, S. 185, 529, 535, 555, 558). Ab 1922 war Krause Direktor der Landwirtschaftskammer für die Grenzmark Posen-Westpreußen (15). 1929 wurde Krause Vorsitzender des Provinziallandtages der Grenzmark Posen-Westpreußen (Wiki). Es handelt sich hier also immer um jene kleinen Teile der einstigen deutschen Provinzen Westpreußen und Posen, die nach 1920 bei Deutschland verblieben waren und nicht an Polen abgetreten wurden, und die von dem sogenannten "polnischen Korridor" durchschnitten wurden. Marienwerder und Marienburg lagen auf der östlichen Seite des Korridors, Schneidemühl auf der westlichen Seite des Korridors, weil in diesen Landesteilen die Bevölkerung in der vom Versailler Vertrag vorgesehenen Volksabstimmung von 1920 zu über 90 Prozent für Deutschland gestimmt hatte (18).

Max Krause veröffentlichte noch im Westpreußen-Jahrbuch von 1950 (Westpreußen-Online) und in der "Ostpreußenwarte" von 1952 (GB) volkskundliche Beiträge. Die genannte Zeitung war am 1. Oktober 1920 gegründet worden als "Deutsche Weichsel-Zeitung - Anzeiger für Westpreußen - Westpreußische Handels-Zeitung". Sie gab auch Jubiläumsausgaben heraus, etwa im März 1928 ("50 Jahre Provinz Westpreußen 1878-1928") oder 1933 ("Festausgabe zur 700-Jahrfeier der Ordensstadt Marienwerder" )(16, 17).

In der Zeit des Dritten Reiches war die Zeitung benannt "Weichsel-Zeitung - Amtliches Verkündigungsblatt der NSDAP sowie aller staatlichen und kommunalen Behörden der Kreise Marienwerder, Graudenz, Rosenberg, Strasburg und Neumark" (lt. Dt. Nationalbibliothek). 1939 auch Weichsel-Zeitung - NS.-Weichsel-Wacht" (13). (Sie liegt - laut Zeitschriftendatenbank - in wechselnden Beständen vor in Leipzig, in der Martin-Opitz-Bibliothek in Herne, sowie in Bibliotheken in München, Berlin und Dortmund. Als Beilage wurde herausgegeben "Westpreußische Blätter - Wochenschrift der Vaterländischen Verbände Westpreußens einschließlich Freistaat Danzig".)

Einar Schlereth hat nun keinerlei gute Erinnerungen an seine Eltern und keinerlei gute Meinungen über sie. Man ist erschreckt, wie tief sein Hass noch heute auf sie ist, auch nachdem beide Eltern längst gestorben sind. Ein Teil seiner Familiengeschichte spiegelt sich in Urkunden wieder, die 2009 und 2010 auf Ebay verkauft worden sind, und die erst unsere Aufmerksamkeit auf Einar Schlereth und sein Lebensschicksal lenkten5. Nach einer solchen ist Fritz Max Schlereth im April 1932 Mitglied der von Erich und Mathilde Ludendorff gegründeten weltanschaulichen Vereinigung „Deutschvolk e.V.“ geworden6. 1933 ist diese weltanschauliche Vereinigung vom Dritten Reich verboten worden. Auf einer weiteren solchen Urkunde vom 9. April 1937 wird seine Mitgliedschaft in dem gerade neu gegründeten „Bund für Deutsche Gotterkenntnis (Ludendorff)“ bestätigt. Dieser war im März 1937 anstelle des verbotenen „Deutschvolk“ neu gegründet worden, und zwar nach einer persönlichen Aussprache zwischen Ludendorff und Hitler. Und in dieser weiteren Urkunde ist nun auch die Ehefrau Doris Schlereth, geborene Schmidt (geb. 1916), verzeichnet7. Dies ist die Mutter von Einar Schlereth.

Auf den 9. April 1937, den Geburtstag Erich Ludendorffs, ist weiterhin eine solche zum Verkauf gelangte Urkunde datiert und von Erich Ludendorff unterschrieben „als Anerkennung für besonders tatkräftige Bezieherwerbung und die damit verbundene Verbreitung der Halbmonatsschrift 'Am heiligen Quell deutscher Kraft'“8. Und ein Jahr später unterschreibt Mathilde Ludendorff unter dem 9. April eine Urkunde darüber, dass der im Dezember 1937 geborene Einar Thorsten Erich Schlereth – also eben jener, dessen Erinnerungen im vorliegenden Beitrag ausgewertet werden - „im Sinne der Deutschen Gotterkenntnis erzogen“ wird9.

Aus dem Jahr 1939 gibt es eine ähnliche Urkunde für die in diesem Jahr geborene Halgund Frauke Mathilde Schlereth10. Letztere, das sei gleich schon hier vorweg genommen, starb 1965 - wie ihr Bruder berichtet - mit 26 Jahren an einer Diabetes, die sie schon im zwölften Lebensjahr bekommen hatte.

Abb. 3: "Es werden im Sinne Deutschen Gotterkennens erzogen ..." - Die Schwester Einar Schlereths (1939) 

Ludendorff-Eltern als Prügeleltern

Bis zum achten Lebensjahr lebte Einar Schlereth in einem bürgerlichen, wohlhabenden Vorort von Marienwerder in Westpreußen. Seine Eltern haben ihre Kinder - so Einar Schlereth - oft und viel geschlagen. Das ist nun - soweit übersehbar - keine besonders typisch Verhaltensweise für durchschnittliche Ludendorff-Anhänger der 1940er und 1950er Jahre. (Zumindest ist einstweilen kein zweiter Fall bekannt.) Dieser Umstand kann auch nur schwer in Übereinstimmung gebracht werden mit der Erklärung, man würde seine Kinder „im Sinne der Deutschen Gotterkenntnis“ erziehen. Denn in den Werken dieser Gotterkenntnis war ja, wie einleitend schon zitiert, die Haltung gegenüber tyrannischen Körperstrafen schon deutlich genug gekennzeichnet worden. Einar Schlereth schreibt aber nun über seinen Vater, sicherlich in der typischen Sprechweise eines noch im Jahr 1993 zutiefst verbitterten Altlinken, dem es schwer fällt, an irgend etwas Gutes im Menschen, zumindest bei seinen Eltern zu glauben:
Bis zum bitteren Ende Chefredakteur der Provinzzeitung in Marienwerder, der ehemaligen Hauptstadt Westpreußens. Was das bedeutet, brauche ich nicht zu erläutern. Er war der typische Einpeitscher, der sich den Arsch in der Etappe wärmte, der in meinen Augen eine 1000-fach größere Verantwortung als ein einfacher Offizier oder irgendein beliebiges Frontschwein trug. (…) Aber das absolut Unverzeihliche war, dass mein Vater Faschist war und blieb, obwohl er 1945 erst 36 Jahre alt war, ihm also nicht die Lernunfähigkeit des Alters als Entschuldigung dienen konnte. Trotzdem konnte kaum eine meiner Freundinnen, auch kaum einer meiner Freunde verstehen, dass ich mich von diesem Menschen lossagte. In den ersten Jahren nach meinem Weggang gelang es ihnen sogar immer wieder, mir ein derart schlechtes Gewissen einzureden, dass ich des öfteren Versöhnungsversuche unternahm, die jedoch regelmäßig katastrophal endeten. Zwischen ihm und mir konnte es einfach keine Versöhnung geben, weil er von der Richtigkeit seines Denkens und Handelns absolut überzeugt war. Er kannte weder Selbstzweifel noch Toleranz. Deswegen hatte er auch keine Freunde. Selbst mit den zwei oder drei Leuten, die selten genug ins Haus kamen, verkrachte er sich regelmäßig und gründlich. Der Mann war ein Panzerschrank. Wenn er Gefühle gehabt haben sollte, dann müssen die dreifach gesichert im hintersten Fach versteckt gewesen sein. Ich bezweifle, ob seine Frau jemals an sie hat rühren können. Sie hat sich an ihm gerächt, genau so feige und hinterfotzig, wie sie ihr ganzes Leben lang gewesen ist. Indem sie ihm nach seinem Tod zum Gespött der ganzen Kleinstadt jede Menge Hörner aufgesetzt hat, sie, die immer die treue, anständige deutsche Frau herausgekehrt hat.
Natürlich ist sie im Grunde ein armes Luder gewesen, doch von wem kann man das nicht sagen und damit alles rechtfertigen? Mit 13 lernte sie ihn kennen
also 1929,
heiratete mit 17,
also 1933,
bekam zwei Kinder, die nach wenigen Monaten starben, und mit 21 Jahren
also 1937
wollte sie die Flatter machen. In dem Moment hatte mein Vater einen Unfall, bei dem er ein Bein verlor und sie merkte, dass sie schwanger war - mit mir.
Als ich diese Geschichte später von meiner Großmutter hörte, wurde mir manches klarer, vor allem ihr Hass auf mich
- gemeint: der Hass der Mutter auf ihren Sohn Einar -,
der schon von dem 5-jährigen nach Kräften erwidert wurde. Doch ihr Ausbruchversuch hätte sie mir beinahe etwas sympathisch machen können, wäre er nicht von ihr mit einer geradezu hündischen Unterwerfung kompensiert worden. In allem war sie wie er, nur zweihundertprozentig. Sie half, mich festzuhalten, damit er mit seinem Knüppel, den er als Behinderter immer bei sich trug, besser draufhauen konnte. Sie denunzierte und schwärzte an, machte aus einer Fliege einen Elefanten und verdrehte und giftete und, wenn es sein musste, log sie auch. Sie war obendrein faul im Denken und Handeln. Wenn Arbeit anlag, zog sie sich gewöhnlich auf ihre Migräne, Kreuzschmerzen und sonstigen diversen Krankheiten zurück. Politisch betete sie alles nach, was der Alte vorgekaut hatte, und am liebsten las sie Angélique, vor und rückwärts, während sie irgendwelche Eierwärmer oder Ärmelschützer häkelte. Das tat sie auch während des Kochens, so dass prinzipiell alles 4-fach anbrannte, an allen vier Seiten. (…) Wenn dieses Zuhause etwas Gutes für mich gehabt hat, dann das, dass ich nicht in einen ebensolchen geistigen, seelischen und emotionalen Abgrund gestürzt bin.
Einar Schlereth weiter:
In Hamburg hatte ich, wie gesagt, regelmäßig Freundinnen, die mir wegen des Bruchs mit meinen Eltern die größten Vorwürfe machten, so dass ich ebenso regelmäßig ein schlechtes Gewissen bekam. „Die Eltern sind nun einmal die Eltern. Und sicher hast du auch deinen Teil der Schuld. Das musst du unbedingt in Ordnung bringen.“ So ging immer die Litanei. Und ich Idiot bei der nächstbesten Gelegenheit nachhausegedüst, um mich mit den Eltern auszusöhnen! Es endete jedes Mal fatal. Mal ging es darum, dass man meinen Umgang in Zweifel zog, mal darum, dass meine Lektüre nicht die richtige sei - Villon ist Schmutz- und Schundliteratur - oder es ging um politische Fragen wie etwa das Verhalten der Deutschen in Russland, worüber ich gerade irgendetwas gelesen hatte. Manchmal dauerte mein Aufenthalt zuhause gerade eine halbe Stunde und ich schnappte meine Sachen und fuhr mit dem nächsten Zug wieder nach Hamburg zurück.
Irgendwann kam es dann zum showdown, zur klassischen Auseinandersetzung, direkt nach dem Freud'schen Lehrbuch. Den Grund des Streits kann ich nicht mehr erinnern. Ich stand im Flur im ersten Stock, mein Vater kam die Treppe hoch und auf der obersten Stufe hob er seinen Knüppel und wollte wieder einmal auf mich losgehen. Blind vor Wut und Hass schrie ich ihn an: Na los, hau doch zu. Dann schlag ich dich tot und werf' dich die Treppe hinunter. Er muss meinen Augen angesehen haben, dass es mir damit absoluter Ernst war. Er ließ den Knüppel sinken, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in sein Arbeitszimmer. Und ich verschwand auf der Stelle nach Hamburg. Seit jenem mentalen Vatermord hat mich niemals mehr jemand ungestraft geschlagen und niemals mehr habe ich Angst vor Autoritäten gehabt.
Das war kein billiger Sieg, denn ich habe teuer dafür bezahlt. Fast ein Jahrzehnt verfolgten mich die übelsten Alpträume, in denen die furchtbaren Fluchterlebnisse, mein knüppelnder Vater und meine rachsüchtige und nachtragende Mutter zu einem unentwirrbaren Knäuel verschmolzen. Plötzlich dann - ich war 28 Jahre alt - hörten sie auf und es war ein Gefühl, wie wenn eine Uhr plötzlich zu schlagen aufhört.
Weiter Einar Schlereth:
Die Angst vor dem Vater, vor der Gewalt des Vaters, vor seinem Terror. Als ich den showdown mit ihm hinter mir hatte, war es wirklich, als würden schwere Felsen von meinem Herzen gewälzt. Angst lähmt, Angst macht krank und unfrei, Angst macht Sklaven. Deswegen leben wir ja in einer Untertanen-Gesellschaft, weil die große Mehrheit in ständiger Angst lebt. (…)
Trotzdem war mit diesem Paukenschlag zuhause noch nicht alles vorbei. Noch zehn Jahre lang nach meinem Weggang plagten mich furchtbare Alpträume. In ihnen ging es immer um die zwei großen Themen meiner Kindheit: Die elterliche Gewalt und der Krieg. Es kamen die Bomben vor, die Tieffliegerangriffe, die Toten und die Sirenen vor den Luftangriffen, wildgewordene Pferde, die Schläge meiner Mutter oder meines Vaters, Stürze von den allerhöchsten Bäumen und in die allertiefsten Schächte. Es war ein Inferno. Aber je mehr ich mich mit dem Krieg und dem Elternhaus auseinandersetzte, umso mehr verlor dieses Inferno seinen Griff über mich, rückte es immer größere Ferne. Und als ich mit 28 Jahren meine große Liebe getroffen hatte und mit ihr in Schweden, meiner Wahlheimat, lebte, da verschwanden die Alpträume völlig.
Wieso Schweden meine Wahlheimat wurde? Durch einen der wenigen glücklichen Zufälle meiner Kindheit. Mein Vater war aus seiner Leipziger Studienzeit mit einem schwedischen Kunstmaler befreundet. Worin diese Freundschaft bestanden hat, ist mir immer ein Rätsel geblieben. Egal, jedenfalls beschlossen die beiden Väter gleichaltriger Söhne, diese in den Schulferien auszutauschen. 1952, die Währungsreform lag gerade 4 Jahre zurück und das Wirtschaftswunder steckte in der BRD noch in den Anfängen, fuhr ich also nach Linköping. (…) Die Belohnung war das Paradies. So und nicht anders habe ich das Land erlebt, eine Erfahrung, die sich mit der anderer junger Menschen deckt, die zu jener Zeit in schwedische Familien geschickt wurden, um aufgepäppelt zu werden. (…)
Und je mehr ich durch das Land gereist war mit seinen endlosen Wäldern, den unzähligen Seen, den ochsenblutfarbenen Häusern (dem Falun-Rot) aus Holz mit den weiß gestrichenen Fensterrahmen, umso mehr liebte ich es. Dabei spielt selbstverständlich eine Rolle, dass es so sehr meiner Heimat in Westpreußen ähnelt. Noch heute geht es mir so, dass ich, sobald ich schwedischen Boden betrete und diese Häuser erblicke, die schon von außen so wohnlich aussehen, ich verrückt vor Freude werde und am liebsten tanzen möchte. Viel später merkte ich, dass es nicht nur ein Paradies ist, sondern auch ein Land der Einsamkeiten, der Schwermut, der Trauer ist. Gleichwohl liebe ich es so intensiv, wie man eine Frau liebt.

Die Prügeleien

Einar schreibt:
Meines Vaters Terror war so groß, dass ich niemals an Widerstand auch nur dachte, obwohl ich spätestens mit 15 Jahren dafür stark genug gewesen wäre. Auch meine Mutter hat mich bis in die Abiturzeit hinein geschlagen. Als ich einmal zur Abwehr ihrer Schläge die Arme hob, machte sie ein Riesengeschrei. „Dein Sohn hat die Hand gegen seine Mutter erhoben.“ Worauf mein Vater herbeieilte und mir eine zusätzliche Ration zukommen ließ. Mir ist heute noch unklar, wie eine erwachsene Frau ihrem eigenen Kind gegenüber so bewusst und infam lügen kann. Nach Möglichkeit steckte ich die Prügel lautlos weg und hasste die beiden nach jedem Mal nur noch intensiver.
Er schreibt über seinen Vater:
Mein Alter, der maximal zwei Monate im Jahr von zuhause abwesend war und sein Büro im Haus hatte, daher stets alles unter Kontrolle hatte, versäumte nicht eine Gelegenheit, mir zu zeigen, welch elender Krüppel ich sei. Er hatte sich die Auffassung angeeignet, dass ich als Ältester gegenüber meinen jüngeren Schwestern (zwei und acht Jahre jünger) die Verantwortung trüge. Das wurde natürlich von meiner nur zwei Jahre jüngeren Schwester weidlich ausgenutzt. Passte ihr irgendetwas nicht, ließ sie sofort prophylaktisch einen Schrei los. Die Tür ging auf, ein Griff und ich bekam entweder eine saftige Backpfeife oder den Arsch versohlt. Es ist verdammt schwer für ein Kind, so viel Ungerechtigkeit zu ertragen. Mich machte es jedes mal rasend vor Wut. Ich sprach tagelang nicht mit den Eltern oder nur das Allernotwendigste.
Oder:
Ich bin immer aufs Neue überrascht, wenn ich gelobt werde. (…) Das muss damit zusammenhängen, dass ich zuhause immer der Versager, die Null gewesen bin, der Alles-anfängt-und-nichts-zu-Ende-bringt. Ich frage mich auch, ob mein hundsmiserables Gedächtnis nicht mit den vielen Schlägen, vor allem den Schlägen auf den Kopf zu tun hat.

„Gespaltenes Verhältnis zum Ludendorff-Verein“

In den 1950er Jahren hat sein Vater nicht nur die Zeitschrift „Der Quell“ gelesen, sondern auch den einen oder anderen Beitrag für die Jugendzeitschrift der Ludendorff-Bewegung „Füllhorn“ geschrieben. Aber nach seinem Abitur im Jahr 1956 verließ Einar sein Elternhaus in Neustadt an der Saale, um die davon am weitesten entfernte Universität zu besuchen, nämlich in Hamburg. An sehr viel späterer Stelle schreibt er weiter:
Ein Rätsel bleibt mir bis heute, wie meine politische Bildung zustande gekommen ist. Ich glaube, dass meine Opposition zum Elternhaus den größten Anteil daran hatte. Im Grunde wurde Politik zuhause nicht diskutiert, schon gar nicht die jüngste Geschichte. Beide Eltern waren Ludendorffianer und ich erinnere mich, dass von denen auch eine regelmäßig erscheinende Zeitschrift (Quelle?) herausgegeben wurde.
Er meint „Der Quell – Zeitschrift für Geistesfreiheit“.
Die propagierte hauptsächlich die „philosophischen“ Schriften von Ludendorffs Frau, die vom „Schönen, Guten und Wahren“ handelten. Politisch fuhren sie einen stramm deutschnationalen und antikommunistischen Kurs. Dieses Heft war quasi Pflichtlektüre und schon deshalb unbeliebt. Nichtsdestoweniger hielt ich einmal sogar einen Vortrag über die Zwangsumsiedlungen der zahlreichen Völker in der Sowjetunion mit ihren unermesslichen Opfern, der im wesentlichen auf einem Artikel aus jener Zeitschrift basierte, wofür ich von unserem Direktor außerordentlich gelobt wurde. (…) Ich hatte also ein gespaltenes Verhältnis zum Ludendorff-Verein. Das hinderte mich nicht, als 16 oder 17-jähriger auf einer Fahrradtour die Mathilde Ludendorff in Tutzing bei Starnberg aufzusuchen.

Einar Schlereth besucht Mathilde Ludendorff

Das war also 1953 oder 1954. Einar weiter:
An Einzelheiten kann ich mich absolut nicht entsinnen. Sie war damals schon eine alte Frau, der man aber ihre einstige Schönheit noch ansah. Trotzdem hat sie wohl keinen großen Eindruck auf mich gemacht. Und das einzige, was mich an ihrem Mann, Erich Ludendorff, jemals beeindruckt hat, war seine öffentliche Anklage Hitlers in Nürnberg: Herr Hitler, ich glaube Ihnen nicht. Sie wollen den Krieg. Allerdings habe ich nie und nirgends dafür eine Bestätigung gefunden.
Auch diese Zeilen zeigen, dass sich Einar Schlereth niemals besonders intensiv mit dem Schrifttum der Ludendorff-Bewegung beschäftigt haben kann. Diese Anklage hat Erich Ludendorff gegenüber Hitler nicht in Nürnberg erhoben, sondern in München. Und er hat das Wort „Ich glaube Ihnen nicht“ auch nicht öffentlich gesagt, sondern in jener Aussprache mit Hitler vom März 1937, auf die Ludendorff nur eingegangen war, nachdem Hitler zuvor zugesagt hatte, seine (also Ludendorffs) weltanschauliche Vereinigung wieder zuzulassen. Einar Schlereth bringt hier also mehrerlei Dinge durcheinander.

Dieses Wort „Ich glaube Ihnen nicht, Herr Hitler“ lag aber ganz auf der Linie jener Warnungen, die Erich Ludendorff zwischen 1929 und 1933 in seiner Wochenzeitung „Ludendorffs Volkswarte“ veröffentlicht hatte. In ihnen sprach er von „hirnverbrannter nationalsozialistischer Außenpolitik“ und warnte davor, sich leichtfertig auf einen neuen Weltkrieg einzulassen. Adolf Hitler belohnte noch 1944 jenen Georg Ahlemann mit einem Rittergut in Westpreußen, der deshalb bis 1933 das Ehepaar Ludendorff mit ähnlichen Ausstreuungen auf dem Gebiet des Geschlechtlichen bekämpfte, wie 1938 Blomberg und Fritsch bekämpft wurden und ihre Ämter verloren.

Der Großvater Schlereth in Neustadt an der Saale

Einar schreibt über seinen Großvater väterlicherseits, der an seinem Sterbebett zwar keinen Pfarrer haben wollte, der aber auch mit Hitler und Ludendorff nichts im Sinn gehabt hätte, weiter:
Wesentlich mehr als die Ludendorfferei interessierte mich die dritte Welt. (…) Die regelmäßigen, ganzseitigen Beiträge in der „Rhön - und Saalpost“ über ferne Länder hob ich sorgfältig auf. Und bei meinem Großvater besorgte ich mir die bessere Literatur über Afrika - mein Vater hatte wie gesagt nur die Kolonialliteratur - vor allem die Forschungsberichte von Nachtigall, Schweinfurth, Livingstone und dem größten von allen, von Heinrich Barth.
Heinrich Barth hat vor allem über das stolze Wüstenvolk der Tuareg geforscht, mit dem sich auch der Autor dieser Zeilen sehr intensiv beschäftigt hat, wobei er ebenfalls Heinrich Barth lieben und schätzen lernte. Einar Schlereth schreibt weiter:
Schon als 15-jähriger schätzte ich ihn am meisten, begründen konnte ich es erst 30 Jahre später in einem Feature. Barth war der einzige von allen, der kein Rassist war. Von umfassender humanistischer Bildung reiste er weltoffen und lernbegierig, mit jener geradezu kindlichen Neugier, die Verständnis erst möglich macht. Bezeichnend ist, dass sein großes vierbändiges Werk nur ein einziges Mal Mitte des vergangenen Jahrhunderts erschienen ist und nie wieder, während Barth in ganz Afrika noch heute als einer der ganz großen Forscher gefeiert wird. Alles, was seine Vaterstadt Hamburg je für ihn getan hat, ist eine winzige Gasse nach ihm zu benennen!
Überhaupt mein Großvater! Er war einer der faszinierendsten Männer, die ich je kennengelernt habe. Mit 10 Jahren verlor er beide Eltern und war mit seinen beiden jüngeren Geschwistern auf sich allein gestellt. Er musste die Volksschule nach zwei Jahren abbrechen und bei der Reichsbahn arbeiten.
Als Lokomotiv-Führer:
Trotzdem bildete er sich unaufhörlich weiter. Er kaufte Bücher, Bücher und nochmals Bücher und hatte schließlich 10000 Bände bei sich stehen. Und jedes einzelne liebte er. (…) Er war also ein großer Literaturkenner, ein hervorragender Mathematiker, der sich auch mit den großen Problemen der Mathematik herumschlug, und er war - so erzählte man sich in Bad Neustadt - der beste Schach- und der beste Skatspieler. In den letzten Kriegstagen wurde er in Schweinfurth ausgebombt. Seine Bibliothek hatte er aber rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Er zog schließlich nach Bad Neustadt, das ihm einigermaßen sicher erschien.
Dort gingen ihm 7000 Bände durch Einquartierung amerikanischer Soldaten verloren.
Trotzdem, brechen ließ sich der alte Mann nicht. Er wurde nach dem Krieg als Lehrer für Mathematik und Deutsch am städtischen Gymnasium angestellt - für die Abiturklassen! (…) Als er mit 74 Jahren in das Krankenhaus eingeliefert wurde, war uns allen klar, dass er es nur im Sarg verlassen würde. Sein letzter Kraftakt war, den Pfaffen rauszuschmeißen, den Großmutter in der letzten Minute angeschleift hatte. (…)
Ihm verdanke ich mit Sicherheit - und dafür bin ich sehr, sehr dankbar - meine Liebe zu den Büchern. Aus Trotz zu meinem Vater hatte ich mich lange Jahre stur geweigert, überhaupt ein Buch in die Hand zu nehmen. Was ich ebenfalls bis heute nicht verstehe, ist die Tatsache, dass bei so einem Vater ein solch egozentrischer, eingebildeter und zuweilen sadistischer Widerling wie mein Alter herausgekommen ist.

Der Vater von Einar Schlereth

Beim Lesen fragt man sich mitunter, was wohl die Schwester von Einar Schlereth zu solchen Worten sagt, und ob sie seine Berichte über die gemeinsamen Eltern bestätigen kann. Einar Schlereth weiter:
Das genaue Gegenteil auch von seinem älteren Bruder, an dessen Besuch in Westpreußen ich mich nur schwach entsinnen kann, und der in den allerletzten Kriegstagen gefallen ist. Vielleicht der typische Fall von einem Kind, das sich hintangesetzt fühlt? Das sich dann in studentischen Verbindungen und bei der Hitlerei hervortun musste? Mit Hitler und Ludendorff hatte mein Großvater jedenfalls nichts im Sinn. Er war ein liberaler und humanistischer Mann, der schon deswegen zu meinem Vater nie ein herzliches Verhältnis haben konnte.
Und weiter:
Ich sagte, dass Politik bei uns zuhause nicht diskutiert wurde. Das stimmt insofern, als mit meiner Mutter Diskussionen eh nicht zu führen waren und ich mich allen Diskussionen möglichst entzog. Und meine Schwestern waren zu jung. D.h. nicht, dass mein Vater nicht Politik diskutierte, wann immer sich ihm Gelegenheit dazu bot. Ich erinnere eine Situation, die mir im nachhinein gespenstisch vorkommt. Wir waren in Frühjahr `45 auf der Flucht, die kein Ende nahm, auf Schloss Bristow mitten in Mecklenburg bei einem Grafen Bassewitz einquartiert. Seine riesigen Ländereien wurden von polnischen Zwangsarbeitern bewirtschaftet. Nicht weit entfernt befand sich eine Abschussrampe für die V2. Wenn die Dinger, riesigen Särgen gleich, in Richtung England flogen, dann erbebte das ganze Schloss, offene Fenster flogen zu, geschlossene auf. Im Osten hörten wir bereits die russische Artillerie. Von Westen her flog ein Luftgeschwader nach dem anderen ein. Da kam die Nachricht von Roosevelts Tod. Und ich hörte ein Gespräch zwischen meinem Vater und dem Grafen mit. „Truman und Stalin können sich nicht ausstehen. Das geht nicht lange gut und die beiden bekommen sich in die Haare. Sie werden sehen, dann gewinnen wir den Krieg doch noch.“ Oft hörte ich später auch den Namen Ernst v. Salomon und sein „Der Fragebogen“ fallen. Von der Entnazifizierung als einem ungeheuren Unrecht war die Rede oder von den Schandtaten der amerikanischen Besatzer. Derlei Gespräche hat mein Vater wohl immer mit Gleichgesinnten geführt, denn Freunde hatte er nicht einen. Aber mich interessierten die Gespräche damals überhaupt nicht. Und ein Thema war absolut tabu: Die Verbrechen der Nazi. Das war genau so tabu wie alles Geschlechtliche. Beides gab es eigentlich nicht. (…)
Weshalb mein Vater, der immerhin bis zum bitteren Ende Chef einer Tageszeitung gewesen ist, nicht zur Entnazifizierung musste, das habe ich mich erst sehr viel später gefragt. Ich kann es mir nur so erklären, dass das Tabu, nicht an die Zeit „davor“ zu rühren, mein Gehirn partiell lähmte. Nicht allein mein Gehirn. (…) Er blieb bis zum Ende seines Lebens stolz darauf, dass ihm der Göring als jüngstem Chefredakteur die Hand gedrückt hatte. (…)

Die traumatische Flucht 1945

1943 besuchte Einar Schlereth als Sechsjähriger seine Mutter in Königsberg (Schlereth-Blog, 17.3.2016):
Dort habe ich als 6-jähriger meine Mutter besucht, die vollkommen gelähmt war und mit Elektroschocks geheilt wurde!
Über die Flucht von 1945 schreibt Einar Schlereth in Kurzfassung (Schlereth-Blog, 12.3.2016):
Den Weltkrieg hatte ich als gerade 8 Jahre alt gewordener Flüchtling von Marienwerder/Wpr. mitgemacht. Am 1. Januar '45 über die zugefrorene Weichsel, durch den Korridor, nördlich an Berlin vorüber, Schwerin, Lüneburg und Ankunft in Bischofsheim v. d. Rhön im Oktober '45. Für einen Jungen war das ein Abenteuer. Die Alpträume kamen später.
Und über diese Alpträume schreibt er in "Nobodies Memories":
Als wir im Januar 1945, einem der härtesten Winter seit 100 Jahren, im Wagen meines Vaters, den er als Versehrter behalten durfte, die Flucht antraten, war ich gerade acht Jahre alt geworden. Das war wohl das einzige Mal, dass er sich der Insubordination schuldig gemacht hatte. Hitler hatte alle Brücken sprengen lassen, damit die Leute nicht abhauen konnten. Aber der harte Winter durchkreuzte diese Pläne. Die Leute warfen Stroh in die Weichsel, damit sie schneller zufror, und ab ging es über das Eis. An das Gefühl im Bauch kann ich mich heute noch erinnern. Das Eis schwankte bei der Überfahrt des schweren PKW wie Wellengang, aber es hielt. Die Böschung auf der anderen Seite kamen wir jedoch nicht hoch; ein LKW musste uns hochziehen. Und alles musste in absoluter Finsternis vonstatten gehen. Eine glimmende Zigarette konnte die sofortige standrechtliche Erschießung zur Folge haben. Weil mein Vater wegen der Dunkelheit und des Eises an den Scheiben kaum etwas sehen konnte, fuhr er Schritt. Außer ihm saßen in unserer Karre meine hochschwangere Mutter, meine Schwester, Großmutter und ich. Statt der Sitze gab es zusammengerollte Federbetten und auf dem Dach befand sich ein riesiges Paket, das mit Stricken festgezurrt war, die durch einen Spalt der Fenster liefen, weshalb es im Auto genauso eisig wie draußen war. Er fuhr also Schritt, mein Vater, während er und meine Mutter ständig die Scheibe rieben, um ein Guckloch freizuhalten. Er muss wohl irgendwann etwas schneller gefahren sein und einen Panzer übersehen haben. Auf jeden Fall krachte es plötzlich ganz fürchterlich und ich flog gegen einen dieser Stricke, die durch den Wagen liefen und brach mir das Nasenbein. Das Auto hatte sich auch einiges gebrochen, so dass es nicht mehr in der Lage war, aus eigener Kraft weiterzukommen.
Von dem Panzer oder einem LKW wurden wir durch den Korridor bis Stargard geschleppt, wo der Schaden behoben wurde. Von dort an bis zur Ankunft Ende März auf Schloss Bristow in Mecklenburg habe ich nur die unterschiedlichsten Bilder in Erinnerung. Schnee und Eis und die Leichen von Pferden und Menschen links und rechts der Straße. Die Pferdefuhrwerke der Flüchtlinge - sie waren das Haupttransportmittel - endlose Truppentransporte, Übernachtungen in Hotel- oder Bahnhofshallen, dampfende Gulaschkanonen. Vor allem aber die Bomben- und Tieffliegerangriffe auf die Flüchtlingskonvois, auf die sich die amerikanischen Flugzeuge spezialisiert hatten. Rausspringen aus dem Auto, in einem Graben, im Wald oder an einer Hauswand Zuflucht suchen, und nach der Entwarnung wieder rein in den Wagen. Oft mehrmals hintereinander in kurzen Abständen. Ich erinnere mich: Eine Hausfrau, die uns üble Schimpfworte nachschrie, weil wir das Gartentor nicht geschlossen hatten, nachdem wir an ihrer Hauswand Schutz gesucht hatten. Und in der Ferne war der Donner der russischen Artillerie zu hören.
Oder: Menschen, die versuchten, aus den zu Eis erstarrten Pferdeleichen mit der Axt ein Schnitzel heraus zu hacken. Oder: Wir alle in einem Graben, gegenüber auf freiem Feld ein Haus, die Straße verstopft mit Flüchtlingsfahrzeugen, und eine Frau, die mit ihrem Kinderwagen über ein verschneites Feld rannte, während ein amerikanischer Tiefflieger über uns hinweg raste und die Frau zu treffen versuchte. Oder ein LKW direkt vor uns, der von der SS zur Kontrolle angehalten wurde. Am Steuer saß eine Frau, die aussteigen und die Plane hinten lösen musste. Sie hatte den Wagen voller Kriegsgefangener. Alle wurden sofort heruntergezerrt, die Frau wurde angebrüllt und gezwungen, auf der Stelle umzukehren und Flüchtlinge zu holen. Heute wundert es mich, dass sie nicht umstandslos erschossen wurde.
Bis auf wenige Ausnahmen habe ich aus jenen drei Monaten kaum Worte und Geräusche in Erinnerung, auch nicht von meinen Eltern, nicht von Großmutter, auch nicht von meiner Schwester. Doch, mir fällt ein, dass sie einmal im Wald, in dem wir bei einem Angriff Schutz gesucht hatten, ihr Püppchen verloren hatte und furchtbar heulte. Alle Menschen und Dinge sind wie Schatten hinter Glas. Ich weiß nicht, was wir redeten, was wir im einzelnen taten, was wir aßen. Ich weiß nicht, ob jemals blauer Himmel war. Ich habe nur Dunkelheit, Schnee und Eis in Erinnerung. Als hätte ich unter Schock gestanden. Oder eine Art Trance, was weiß ich. Jedenfalls müssen mich diese Ereignisse sehr aufgewühlt haben, sonst hätte ich nicht bis zum 28. Lebensjahr fürchterliche Alpträume gehabt.
Erst von der dreimonatigen Pause auf Schloss Bristow habe ich wieder mehr Erinnerungen. Landschaftlich war es eine Idylle, direkt am Teterower See gelegen, mitten in Mecklenburg. Der Frühling kam; Krokusse blühten und Schneeglöckchen und Veilchen und auch an Bärenkraut, das wir im Wald fanden, kann ich mich gut erinnern. Es ist wilder Schnittlauch und schmeckt auf Butterbrot wunderbar.
Und:
Das Fatale an dem Irrwahn meines Vaters war ja, dass er seine ganze Familie mit hineingerissen hat, d.h. alle krank gemacht hat. Nicht nur ich war ständig krank, sondern alle. Meine älteste Schwester starb mit 26 Jahren an einer schweren Zuckerkrankheit, die sich mit 12 zugezogen hatte. Der Vater selbst mit 58 Jahren an einem halben Dutzend unheilbarer Krankheiten. Meine Mutter, die ein Leben lang krank war, so krank, dass sie meist nicht arbeiten konnte und ich die Hauptlast tragen musste, wurde fidel und gesund und steinalt, als ihr Alter erst einmal tot war. Ich wurde dank meiner Trennung von zuhause gesund, aber meine beiden jüngsten Schwestern konnten die Bande einfach nicht durchtrennen und zogen sich schwere chronische Erkrankungen zu.
Während man die Worte von Einar Schlereth liest, muss man an andere „verlorene Söhne“ denken. Ähnlichkeiten bemerkt man zu dem immer etwas gehetzt wirkenden Schreiben etwa von Walter Erich von Bebenburg-Richartz oder Bernward Vesper11. Ähnlich auch das streckenweise außerordentlich „schamlose“ Denken und Schreiben in Bezug auf die Geschlechtlichkeit des Menschen, in Bezug auf die Wahrnehmung der Frauenwelt. Es wird einem immer etwas unheimlich, wenn man das alles auf sich wirken lässt.

Damit soll das Zitieren aus den Erinnerungen von Einar Schlereth abgebrochen werden. Abschließend sei erwähnt, dass 1957 in der Jugend-Zeitschrift der damaligen Ludendorff-Bewegung mit dem Titel "Füllhorn" eine Geschichte von "M. Schlereth" über ein junges Mädchen erschien, das Nonne wird. In der Todesanzeige für Fritz Max Schlereth (in der Ludendorff-Zeitschrift "Mensch und Maß" vom 23.10.1968) heißt es von Seiten der Witwe Doris Schlereth und ihrer Kinder:
Ehemaliger Hauptschriftleiter im Osten, Buchhändler und Verlagsrepräsentant,
seine Liebe und Fürsorge habe gegolten
seiner Familie, seinem Volk, dem verfolgten Deutschtum in Südtirol und dem Tierschutz in aller Welt.
Die Erinnerungen in "Nobodies Memories" enthalten auch sonst viele aufschlussreiche Inhalte, natürlich auch aus seinem Leben als Erwachsener, was hier aber nur noch abschließend erwähnt werden soll.

/ergänzt am 10.4.16 um die Ausführungen mit den Anmerkungen 12 bis 18/ 
__________________________________________________________

1Ludendorff, Mathilde: Des Kindes Seele und der Eltern Amt. Eine Philosophie der Erziehung. Erstauflage 1930. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954, S. 258; ein anderer Hinweis für ihr Denken über körperliche Züchtigung könnte sein, dass sie in ihrem Buch über Gottfried Ephraim Lessing den folgenden Bericht offenbar mit vollkommener Zustimmung zitiert, in dem es über Lessing als Vater heißt (zit. nach: Ludendorff, Mathilde: Lessings Geisteskampf und Lebensschicksal. Ludendorffs Verlag, München 1937, S. 231): „Körperliche Züchtigung lag nicht in seinem Erziehungsplane, und sein Sohn Fritz erinnerte sich nur zweier Ausnahmen davon. Beide Fälle betrafen aber auch Kapitalsünden. Für nichts suchte er nämlich das Gemüt der Kinder lebhafter anzuregen, als für Wahrheitsliebe und Mut. Er applizierte daher seinem Fritzchen eine ebenso derbe Maulschelle, als ihn dieser einmal mit Unwahrheit berichtete, wie eine solche erfolgte, als sich derselbe nicht gegen die Angriffe eines bösen Buben gewehrt hatte.“
2Autorenporträt: http://www.tlaxcala-int.org/biographie.asp?ref_aut=24&lg_pp=de
3Schlereth, Einar: Nobodys Memories. Verfasst 1993, veröffentlicht auf dem Blog „einartextlyrikmemoiren“, 8. Juli 2013,
http://einartextlyrikmemoiren.blogspot.se/2014/08/nobodys-memories.html
4Siehe unter anderem: https://plus.google.com/+EinarSchlereth, einarschlereth.blogspot.com
5Die Urkunden wurden bei Ebay angeboten (13.12.09, sowie 3.6.2010) für 90, bzw. 75 Euro.
6Zitat aus der Urkunde: „Das Deutschvolk ... ist der Kern des nun erst werdenden Deutschen Volkes. Zu ihm zählen wir: Fritz Max Schlereth, geb. 2.10.1909 (?). 16. im Ostermond 1932, Mathilde Ludendorff, Erich Ludendorff
7„Zum Deutschen Gotterkennen haben sich bekannt: Fritz Max Schlereth, geb. 2.10.1909, Doris Schlereth, geb. Schmidt, geb. 2.5.1916 - 9. im Ostermond 1937 - Mathilde Ludendorff, Erich Ludendorff“
8„Herrn Fritz Max Schlereth, Marienwerder - Als Anerkennung für besonders tatkräftige
Bezieherwerbung und die damit verbundene Verbreitung der Halbmonatsschrift "Am heiligen Quell deutscher Kraft" anlässlich meines Geburttages
Tutzing, den 9. Ostermonds 1937 - Ludendorff“
9„Es werden im Sinne Deutschen Gotterkennens erzogen
Einar Thorsten Erich Schlereth, geb. 18.12.1937 - 9. Ostermond 1938 - Mathilde Ludendorff“
10„Es werden im Sinne Deutschen Gotterkennens erzogen
Hallgard Frauke Mathilde Schlereth, geb. (…) 1939 - 27. Gilbhard 1939 - Mathilde Ludendorff“
11Bading, Ingo: Der Schriftsteller Walter Erich von Bebenburg/Richartz (1927-1980) - Ein bewegendes Lebensschicksal. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 7. August 2011, http://studiengruppe.blogspot.de/2011/08/der-schriftsteller-walter-erich-von.html
12. verzeichnet in "Deutsche Presse, Band 23, 1933" (GB) (mit den Angaben: "Max Schlereth, Marienwerder, Bergstraße 15")
13. Sperlings Zeitschriften- und Zeitungs-Adressbuch. Handbuch der deutschen Presse, Band 61. H. O. Sperling 1939, S. 417 (GB)
14. Baumgart, Peter: Verwaltungsgeschichte Ostdeutschlands 1815-1945. Organisation, Aufgaben, Leistungen der Verwaltung. Kohlhammer, 1993 (1140 S.) (GB)
15. George Wenzel: Deutscher Wirtschaftsführer.  Hanseatische Verlagsanstalt, 1929, S. 119 (GB)
16. Weichsel-Zeitung - Festausgabe zur 700-Jahrfeier der Ordensstadt Marienwerder 1933 (72 S.) (GB)
17. Weichsel-Zeitung - Anzeiger für Westpreußen - Westpreußische Handels-Zeitung; 9. Jg. Nr 78; Marienwerder, 31. März 1928 - 50 Jahre Provinz Westpreußen; 1. April 1878-1. April 1928 (GB)
18. Rasmus, Hugo: Pommerellen-Westpreußen 1919 bis 1939. Herbig-Verlag, 1989 (415 S.)
19. Sperlings Zeitschriften- und Zeitungs-Adressbuch. Handbuch der deutschen Presse, Band 60. H. O. Sperling 1937, S. 436  (GB)
20. Sperlings Zeitschriften- und Zeitungs-Adressbuch. Handbuch der deutschen Presse. H. O. Sperling, Leipzig 1930, S. 502 (GB)
21. Sperlings Zeitschriften- und Zeitungs-Adressbuch. Handbuch der deutschen Presse. Band 58. H. O. Sperling, Leipzig 1933, S. 498 (GB)  
22. Sperlings Zeitschriften- und Zeitungs-Adressbuch. Handbuch der deutschen Presse. H. O. Sperling, Leipzig 1931, S. 515 (GB) 

Donnerstag, 21. Januar 2016

Erich Ludendorff in der Tages- und Wochenpresse seiner Zeit

In diesem Beitrag sollen Beispiele für die Behandlung, bzw. die Präsenz Erich Ludendorffs in der Tages- und Wochenpresse seiner Zeit, also zwischen 1914 und 1937, zusammen gestellt werden. Dabei geht es nicht um Karikaturen (für diese gibt es schon einen Beitrag hier auf dem Blog), sondern um ernsthafte Berichterstattung. Die Auswahl der folgenden Zeugnisse ist zunächst rein zufällig und soll nach und nach ergänzt werden.

November 1914 - "Hindenburg mit seinem Stab"

Abb. 1: Berliner Illustrierte Zeitung, Nr. 48, 29. November 1914
Am 29. November 1914 brachte die "Berliner Illustrierte Zeitung" Hindenburg und seinen Stab auf der Titelseite. Solchartige "Illustrierte Zeitungen" waren die "Illustrierten" der damaligen Zeit.

Oktober 1915 - "Im Hauptquartier Ost"

Abb. 2: Berliner Illustrierte Zeitung, Nr. 46, 1915
Ein Jahr später brachte dieselbe Zeitung wiederum wiederum einen Bildbericht aus dem "Hauptquartier Ost".

März 1917 - "Der Erste Generalquartiermeister"

Abb. 3: Die Wochenschau, 10. März 1917
Am 10. März 1917 titelte das Wochenblatt "Die Wochenschau" mit der "neuesten Aufnahme des Ersten Generalquartiermeisters Erich Ludendorff".

April 1918 - "Ludendorffs 53. Geburtstag"

Abb. 4: "Illustrirte Zeitung", Leipzig, April 1918
Auf der Titelseite der Folge der Leipziger "Illustrirte Zeitung" von Anfang April 1918 steht: "Die Nummer enthält Beiträge zu Ludendorffs 53. Geburtstag". In dieser findet sich ein Bildbericht über Ludendorffs Leben und darin neben anderen Abbildungen auch ein fast ganzseitiges Foto "General Ludendorff mit seiner Gemahlin".

August 1918 - "Will Ludendorff go?"

Abb.: The War Illustrated, 17. August 1918
Der 8. August 1918 war der "schwarze Tag des deutschen Heeres" (Wiki). Von diesem Zeitpunkt an glaubte Erich Ludendorff nicht mehr, "den Feind durch Angriff friedenswillig machen" zu können, wie er es bis dahin angestrebt hatte. Interessanterweise behandelt das im August 1914 gegründete britische Magazin "The War Illustrated" schon in seiner Ausgabe vom 17. August 1918 unter anderem folgende Themen (lt. Ebay-Angebot 02/2016):
Germany from Within – Fallen German War Gods by Frederic William Wile  (Will Ludendorff go?, Huns’ fear of Imperial tariff, Intrigues in Egypt and India, A nation of thieves, Fallen war gods)
Es fragt schon zu diesem Zeitpunkt auffälliger Weise nicht: "Will Hindenburg go?"

1919 - "Was Ludendorff to blame?"

Abb. 5: "Was Ludendorff to blame?" - The Living Age, 1. März 1919
In der Zeitschrift "The Living Age" vom 1. März 1919 wird eine "Dokumentation der Geschichte der deutschen Revolution" gegeben (entnommen der "International Review"). Aus dem Inhaltsverzeichnis der Ausgabe geht weiterhin hervor, dass es sich bei dem darauffolgenden Artikel "Was Ludendorff to blame?" um eine Übersetzung aus der "Deutschen Tageszeitung" handelte. Er behandelte also sicherlich die Frage, ob und in welcher Weise Erich Ludendorff für den Verlauf und den Ausgang des Kriegsjahres 1918, verantwortlich zu machen war, bzw. schuldig zu sprechen war.

24. März 1920 - "Verschwörer Ludendorff"


Abb. 6: Berliner Zeitung am Mittag, 24. März 1920
Am 24. März 1920 brachte es Erich Ludendorff auf die Titelseite mehrerer Tageszeitungen. Die "Berliner Zeitung am Mittag" behandelte "Die Rolle des Generals Ludendorff" als "Kapps Berater" während des gerade ablaufenden "Kapp-Putsches" (siehe auch die Titelzeilen "Generalsstreich und Generalstreik").

Abb. 7: "Verschwörer Ludendorff" - Der Vorwärts, 24. März 1920
Und am selben Tag behandelte die Abendausgabe des sozialdemokratischen "Vorwärts" Erich Ludendorff auf der Titelseite als "Verschwörer" des Kapp-Putsches.

19. November 1923 - "Time"

Abb. 8: Time, 19. November 1923
Am 19. November 1923 titelte das Wochenmagazin "Time" mit Erich Ludendorff. Natürlich im Nachgang des Hitler-Ludendorff-Putsches in München zehn Tage zuvor.

8. April 1935 - "Blomberg und Fritsch beglückwünschen Ludendorff"


Abb. 9: Abendblatt, 8. April 1935
Am 8. April 1935 titelte das "Münchner Abendblatt": "Blomberg und Fritsch beglückwünschen morgen General Ludendorff".


Abb. 10: Die Woche, April 1935
Das Magazin "Die Woche" titelte im April 1935 aus Anlass des 70. Geburtstages Erich Ludendorffs mit einer Fotografie von der Einweihung des Tannenberg-Denkmals im Herbst 1927. Am 27. Dezember 1937 brachte sie aus Anlass von Erich Ludendorffs Tod einen Artikel "Ludendorff - Ein deutsches Kämpferleben".

20. Dezember 1937 - "Das deutsche Volk trauert um den Feldherrn"

Abb. 11: Süntel-Deister-Zeitung, 20. oder 21. Dezember 1937
Am 20. Dezember 1937, dem Todestag Erich Ludendorffs oder einen Tag später brachten die meisten großen deutschen Tageszeitungen die Meldung von seinem Tod auf ihrer Titelseite.

Abb. 12: Nationalzeitung, Oberhausen, 21. Dezember 1937
Die "Nationalzeitung" von Oberhausen titelte "Das deutsche Volk trauert um den Feldherrn".

Abb. 13: Die Woche, 5. Januar 1938 - "Ludendorff - Ein deutsches Kämpferleben"
Soweit nur eine bislang mehr oder weniger zufällige Auswahl von Presse-Zeugnissen.

Sonntag, 17. Januar 2016

Erich Ludendorff in Fotografien des Jahres 1921

Eine Chronologie in Bildern

Im Internet stößt man immer häufiger auf vergleichsweise seltene oder selten anmutende Photographien von Erich Ludendorff. Unter anderem auf Wiki Commons aber ebenso auch unter diversen Postkarten-Angeboten oder auf dem Bildarchiv der Süddeutschen Zeitung und ähnlichem, dass man veranlasst ist, diese einmal in einer Zusammenschau zusammenzustellen.

Der folgenden Artikel dient dazu, zumeist seltenere historische Fotografien von Erich Ludendorff aus den frühen 1920er Jahren historisch einzuordnen, zunächst nach Zeit, Ort und Anlass, sodann nach den dargestellten Personen und der Bedeutung, die diese im damaligen Leben Erich Ludendorffs, bzw. des damaligen politischen Lebens, hier vor allem des damaligen Bayerns hatten. Der Artikel wird in einem ersten Entwurf veröffentlicht. Und soll nach und nach überall ergänzt und vervollständigt werden. Der Artikel versteht sich - wie viele hier auf dem Blog - als Vorarbeiten zu einer wissenschaftlichen Biographie Erich Ludendorffs. Und möchte auch so gelesen werden. Es geht zunächst mehr um Tatsachen-Feststellungen, weniger um die Bewertung dieser Tatsachen.

Nach dem misslungenen Kahr-Putsch im März 1920 weilte Erich Ludendorff nur noch zeitweise in Berlin. Hierbei stellte er "im Mai" sein Buch "Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit 1916-1918" fertig, ebenso eine Volksausgabe seiner "Kriegserinnerungen" (1, S. 127). Am 20. August 1920 zog er um nach München-Ludwigshöhe (1, S. 126).  Hier und anderwärts sollte er in den Folgejahren zahlreiche öffentliche Veranstaltungen besuchen, von denen auch - zum Teil seltene - Fotografien erhalten sind, deren historische Einordnung nicht immer ganz einfach ist. Erich Ludendorff sagt zunächst ganz allgemein über diese Veranstaltungen (1, S. 155):
Der Besuch zahlreicher Veranstaltungen in München war mir dadurch erleichtert, dass mir von dem Kommandeur der Sicherheitspolizei, bald hieß sie Schutzpolizei, Oberst v. Seisser, einem früheren Generalstabsoffizier, ein Kraftwagen der Polizei für diese Zwecke zur Verfügung gestellt wurde. Mich begleitete zu ihnen “als mein Adjutant” Oberleutnant v. Grolmann, der ja in Berlin an der Verbrennung früher erbeuteter Fahnen am Denkmal Friedrichs des Großen beteiligt gewesen war. Er hatte den Abschied aus der Schutzpolizei Berlin infolge seiner Haltung in den Kapptagen erhalten und war nun auf meine Befürwortung hin bei der Schutzpolizei in München angestellt. Es war mir angenehm, bei den Veranstaltungen einen Gehilfen an meiner Seite zu haben, der auf manches Bedacht nahm, was mir gegenüber von den Veranstaltern zu berücksichtigen war.
Hier handelt es sich um Wilhelm von Grolman (1894-1985). Während des Zweiten Weltkrieges war von Grolman Polizeipräsident von Leipzig.

Die Max-Josef-Ordens-Ritter in der Michael-Hofkirche in München (Anfang Oktober 1920)

Erich Ludendorff schreibt (1, S. 147):
Die erste Gelegenheit, die sich mir bot, mit einem weiteren Kreise der bayerischen Offiziere zusammen zu kommen, war eine kameradschaftliche Vereinigung der Max-Josef-Ordens-Ritter Anfang Oktober 1920.
Dieser Orden ist mit dem Tod seines letzten Trägers 1985 erloschen. Von seinen Zusammenkünften scheinen im Internet zunächst keine Fotografien überliefert zu sein. Es wäre zu überprüfen, ob sich solche in Veröffentlichungen zur Geschichte dieses Ordens finden (Wiki). Träger des Max-Josef-Ordens finden sich aber auch sonst auf vielen Fotografien aus jenen Jahren, wie wir noch sehen werden. Zu ihnen gehörten auch der bayerische Kronprinz Rupprecht und zahlreiche hochdekorierte bayerische Offiziere jener Zeit.

Der Totensonntag 1920 in München (9. Oktober 1920)

In seinen Lebenserinnerungen berichtet Erich Ludendorff, dass die Stimmung im bayerischen Offizierskorps ihm gegenüber als "Preußen" eine sehr gemischte gewesen sei. Im Gegensatz dazu sei das Verhalten der Mannschaften (und damit gemeint wohl auch des Unteroffizierskorps) gewesen (1, S. 147f):
Ganz eindeutig Deutsch war das Verhalten der Mannschaften. Sie kannten keinen Gegensatz zwischen Bayern und Deutschland, eins war ihnen gleichbedeutend mit dem anderen. Das Kriegserlebnis hatte verbindend gewirkt. (...) Sie sahen in mir den Führer des Deutschen Heeres im Weltkriege neben dem General v. Hindenburg. Meine Taten waren ihre Taten. Sie blickten in Verehrung auf mich und waren stolz, wenn ich an ihren Veranstaltungen teilnahm. (...) Die erste solcher Veranstaltungen war am Totensonntag des Jahres 1920. Der Krieger-Verein Münchens ehrte in einer großen Feier die 8000 Söhne der Stadt, die im Weltkriege gefallen waren. Diese Feier war in den Tagen des Niedergangs ein Ereignis. Die Einstellung der Soldaten zu mir kam bei ihr deutlich zum Ausbruch. Sie waren wirklich nicht pazifistisch angekränkelt, auch wenn sie "Marxisten" gewesen sein mögen.
Die Rede, die gehalten wurde, hatte indes weniger meinen Beifall. (...) Die Toten wurden als Helden gefeiert. (...) Dagegen wurde der Lebenden, die eben soviel geleistet hatten wie die Toten, in keiner Weise gedacht.
Von dieser Veranstaltung aus dem Oktober 1920 sind zunächst keine Fotografien verfügbar, wohl aber von der gleichen Veranstaltung ein Jahr später (siehe unten).

Treffen mit Kronprinz Rupprecht (Anfang Januar 1921)

Der bayerische Kronprinz Rupprecht war der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht während des Ersten Weltkrieges an der Westfront, nahm also innerhalb der militärischen Hierarchie eine der höchsten Positionen ein - auf der gleichen Hierarchieebene wie auch der Deutsche Kronprinz Wilhelm. In seinen "Kriegserinnerungen" behandelte Erich Ludendorff natürlich alle maßgebenden Persönlichkeiten. Über den bayerischen Kronprinz Rupprecht, den er im Herbst 1916 an der Westfront genauer kennen lernte, hatte er dort geschrieben (4, S. 216):
Er war aus Pflichtgefühl Soldat. Seine Neigungen waren keine soldatischen. Er ging an seine hohe militärische Stellung und ihre Aufgaben mit großem Ernste heran und hat, gestützt auf seine vortrefflichen Generalstabschefs - zu Beginn des Krieges der bayerische General Krafft v. Dellmensingen und jetzt General v. Kuhl - den großen Anforderungen entsprochen, die an einen Oberbefehlshaber zu stellen sind. Ebenso wie der deutsche Kronprinz war der bayerische einer Beendigung des Krieges ohne jeden Gewinn zugetan, aber ob die Entente darauf eingehen würde, das wusste auch er nicht. Mein Verhältnis zum Kronprinzen von Bayern ist stets gut gewesen.
In seinen - 1940 veröffentlichten - Lebenserinnerungen schrieb Erich Ludendorff über Kronprinz Rupprecht (1, S. 141f):
Er war eine gute, fürstliche Erscheinung. (...) Der Kronprinz selbst war kein Feldherr von Geburt. Ich hatte immer die Empfindung, als ob die Führung der Heeresgruppe ihm eine schwer zu tragende Last sei. Gewiss sah auch ich die Lage ernst an. Es galt nur nicht in Pessimismus zu verfallen, wozu der Kronprinz neigte, sondern mit allen Kräften die Lage zu meistern. So bestanden zwischen dem Kronprinz und mir tiefe Gegensätze. (...) Ich selbst konnte in "Meine Kriegserinnerungen" die militärischen Fähigkeiten des Kronprinzen nur wahrheitsgemäß beurteilen.
Und weiter berichtet er dann über eine Aussprache mit den Kronprinzen Rupprecht Anfang Januar 1921 (1, S. 143f):
Die Begrüßung war formell und kühl.
Man sprach noch einmal über verschiedene Operationen während des Ersten Weltkrieges, wobei, so Ludendorff,
gegensätzliche Auffassungen zum Ausdruck kamen, die natürlich einen Ausgleich irgendwelcher Art nicht ergaben. Politische Verhältnisse wurden im allgemeinen nicht berührt. (...) Aus einer Bemerkung konnte ich entnehmen, dass der Kronprinz es lieber gesehen hätte, ich wäre nicht nach München gezogen.
Da Kronprinz Rupprecht in damaligen bayerisch-monarchischen Kreisen als künftiger König von Bayern, wenn nicht gar als Deutscher Kaiser angesehen wurde, spielte er in den 1920er Jahren eine wesentliche Rolle innerhalb der bayerischen Politik.

Reichsgründungsfeiern studentischer Verbindungen am 18. Januar 1921 in München

Wie schon vor dem Ersten Weltkrieg wurde auch danach jedes Jahr der 18. Januar, der Tag der "Kaiserproklamation von Versailles", als "Reichsgründungsfeier" begangen. Dies geschieht wohl zum Teil bis heute in konservativen Burschenschaften. Erich Ludendorff schreibt über das Jahr 1921 (1, S. 151):
Besonders zahlreich waren die studentischen Veranstaltungen zur Reichsgründungsfeier im Januar 1921. (...) Die Studenten, unter denen damals noch viele Kriegsteilnehmer waren, waren von ehrlichem, nationalem Wollen erfüllt. Hatten ja z.B. Studenten der Marburger Universität eigene Formationen aufgestellt, die sich in Thüringen bei der Niederwerfung kommunistischer Aufstände betätigt hatten. Andere studentische Formationen hatten in den Ruhrkämpfen Anfang April 1920 erfolgreich gekämpft. 
Auch von diesen Reichsgründungsfeiern sind zunächst keine Fotografien zugänglich. Von späteren studentischen Anlässen, zu denen Hindenburg und Ludendorff eingeladen wurde, gibt es aber solche (siehe unten).

Ein Vortrag Ludendorffs vor dem Nationalklub in Hamburg (7. Februar 1921)

Am 7. Februar 1921 hielt Erich Ludendorff vor dem "Nationalklub" in Hamburg, einem 1919 gegründeten nationalen "Herrenklub", einen Vortrag. Diesen Vortrag erwähnt er - soweit übersehbar - in seinen Lebenserinnerungen nicht. Solchen "Herrenklubs" stand Ludendorff ab Ende der 1920er Jahre außerordentlich kritisch gegenüber. Über den Hamburger Nationalklub heißt es (Wiki):
In regelmäßigen Abständen lud der Klub führende Persönlichkeiten als Redner ein. Unter ihnen befanden sich beispielsweise Alfred von Tirpitz, Heinrich Claß, Erich Ludendorff, der Reichskanzler Hans Luther, Reichsaußenminister Gustav Stresemann, Hjalmar Schacht und Hans von Seeckt. Themen waren zum Beispiel: „Völkische Abwehr und Aufbaupolitik“ (Wulle, 1922), „Deutsche Volksgemeinschaft“ (v. Gayl, 1924), „Wir und der Osten“ (Volck, 1922), „Was können wir tun, um die Lösung der österreichischen Frage vorzubereiten?“ (Ebert, 1922).
Adolf Hitler hat mehrmals einen Vortrag gehalten, offenbar schon 1919. Ebenso der spätere völkische Ludendorff-Gegner Adalbert Volck (s. Ursula Büttner 1982), ebenso der mehrjährige völkische Parteifreund Ludendorffs Reinhold Wulle. Über Ludendorffs Vortrag gibt es im Nachlaß von Alfred von Tirpitz (im Bundesarchiv) eine ...
Aufzeichnung zu dem Besuch Ludendorffs im Nationalklub Hamburg 1919 u.a. betr. Flottenpolitik, 8. Feb. 1921.
Nach dem Historiker Bernhard Wien stammt diese Aufzeichnung von dem Sohn von Alfred von Tirpitz. Die Rede Ludendorffs kennzeichnete dieser offenbar damit, dass er schrieb von abgehackten Sätzen "wie das Prasseln von Hagelkörnern". Der Vortrag Ludendorffs sei ohne Gesten ausgekommen (Wien 2014, S. 93, 256). Ludendorff habe dort auch davon gesprochen, dass er dem Kaiser nach dem Rücktritt von Bethmann-Hollweg Alfred von Tirpitz zur Ernennung zum Reichskanzler vorgeschlagen hatte.

Soweit übersehbar, erwähnt Erich Ludendorff diesen seinen Vortrag vor dem Nationalklub in Hamburg weder in seinen Lebenserinnerungen noch auch sonst.

Abb. 1: Hindenburg, Ludendorff und Tirpitz am Neuen Palais in Potsdam-Sanssouci bei der Beerdigung der Kaiserin Auguste Viktoria, 19.4.1921
Als die letzte deutsche Kaiserin im April 1921 starb, wurde die Bedeutung dieses Geschehens etwa so ähnlich empfunden wie die Öffentlichkeit auf den Tod der Prinzessin Diana reagierte. Noch dazu ereignete sich der Tod in politisch bewegten Zeiten.

Die Beisetzung der Kaiserin Auguste Viktoria (19. April 1921)

Erich Ludendorff berichtet über die Kämpfe um Oberschlesien im April und Mai 1921 und schreibt dann weiter (1, S. 159):
Während der wirtschaftlichen, völkischen und seelischen Not, unter der Millionen Deutsche litten, erfolgte das Ableben der Kaiserin Auguste Viktoria am 11. 4. in Doorn. Eine tiefe Verehrung und die glühende Liebe zum Vaterlande verband mich mit der hohen, würdevollen Frau. (...) Die Kaiserin wurde am 19. 4. im Antiken-Tempel unweit des neuen Palais bei Potsdam beigesetzt. Ich beschloss an der Beisetzung teilzunehmen. In Berlin stieg ich wie immer bei Frau Emma Heckmann ab, die mir ihr Haus für einen Berliner Aufenthalt gern zur Verfügung gestellt hatte. Von hier aus fuhr ich nach Potsdam und an Sansouci vorbei nach dem neuen Palais und seiner Eisenbahnstation Wildpark bei Potsdam. 
Die Familie Heckmann war damals eine bedeutende Berliner Unternehmerfamilie. Schon seit der Großelterngeneration betrieb sie in Berlin und später in Duisburg Kupfergießwerke. Die weiblichen Angehörigen der Familie waren in Berliner Wohltätigkeitsvereinigungen tätig.

Abb. 2: Hindenburg, Ludendorff und Tirpitz in Potsdam-Sanssouci bei Beerdigung Kaiserin Auguste Viktoria, 19.4.1921
Über die Station Potsdam-Wildpark schreibt Ludendorff:
Hier traf mit einem Zuge aus Doorn der Sarg ein, der die sterblichen Überreste der Kaiserin barg. Die Fahrt durch Deutschland hatte Anlass zu schönen Sympathiekundgebungen für sie und das Hohenzollernhaus gegeben, das so lange die Geschicke Preußens und dann Deutschlands geleitet hatte. Auf der Wildparkstation waren die Prinzen des königlichen Hauses - der Kronprinz weilte noch in Wieringen -, zahlreiche Generale und Admirale des alten Heeres, die Würdenträger des früheren kaiserlichen Hofes versammelt. Viele Tausende harrten außerhalb des Bahnhofes und längs des Weges, den der schier endlose Trauerzug eingeschlagen hatte.
Von diesem Ereignis haben sich viele historische Fotografien erhalten.

Abb. 3: "Hindenburg, Ludendorff, Tirpitz, Kluck und Mackensen im Trauerzuge" (Quelle)
Ludendorff weiter:
In tiefer Stille fuhr der mit Kränzen überhäufte Sarg an der ergriffenen Menge vorüber. Wir schritten schweigend, General v. Hindenburg und ich mit Admiral v. Tirpitz, den Prinzen an der Spitze des Trauerzuges folgend, daher und begleiteten den Sarg bis in den Tempel, wo eine kurze und würdige Feier stattfand. Dann begab ich mich wieder zu meinem Kraftwagen. Es war, als ob eine Spannung der Menge sich löste. Sie gab mir gegenüber einer Begeisterung Ausdruck, die ich nach dem eben Durchlebten - ich möchte sagen nach dieser Feier - beinahe störend empfand, wenn nicht in ihr auch Zorn gegen das Deutsche Geschick und Erwartung auf eine Besserung gelegen hätte.
Im folgenden noch weitere Fotografien.

Abb. 4: Admiral von Tirpitz, von Hindenburg und Erich Ludendorff bei der Beisetzung der Kaiserin am 19. April 1921 in Potsdam
Auf der nächsten Fotografie ist das Neue Palais zu sehen.

Abb. 5: "Der Kaiserliche Leichenwagen vor dem Neuen Palais" (Quelle)
Und davor der Kaiserliche Leichenwagen.

Die Deutschen Fliegergedenktage in München (Mai 1921)

In den 1920er Jahren wurden in Deutschland "Fliegergedenktage" häufig gefeiert:
Bald nach Beendigung des Ersten Weltkrieges (...) waren verschiedene "kameradschaftliche Vereinigungen" ehemaliger Frontfliegerverbände entstanden. (...) Jährliche Großveranstaltung war seit 1920 die Oswald-Boelke-Gedenkfeier am 28. Oktober, dem Todestag des berühmten Jagdfliegers (40 Luftsiege, gefallen 1916).
Auch die Teilnahme an diesen Gedenkfeiern und Fliegertagen erwähnt Erich Ludendorff, soweit übersehbar, in seinen Lebenserinnerungen nicht.  

Abb. 6: Fliegerhauptmann Franz Hailer, Gustav von Kahr, Erich Ludendorff und der Polizeipräsident Münchens Ernst Pöhner - Auf den Bayerischen Flieger-Gedenktagen, 19.-22. Mai 1921 (WikiEbay)
Ein 18-seitiges Heft des "Bayerischen Fliegerclubs" München berichtet über die Deutschen Fliegergedenktage, die vom 19. bis 22. Mai 1921 auf dem Flugplatz Schleißheim nördlich von München begangen wurden.

An ihnen nahm auch Erich Ludendorff teil - den Kopf ungewohnter Weise mit einem abgerundeten Hut, einer Melone, bedeckt - und zudem auch noch herzlich lachend - ein sehr seltener Anblick, was Photographien von seiner Person betreffen (Wiki). Und das noch dazu im Gegenüber eines Mannes, den er später als einen "verschlagenen" kennzeichnen sollte, nämlich im Gegenüber von Gustav von Kahr. Im Mai 1921 hielt er von Kahr aber noch für einen guten Politiker und erwartete sich Gutes von ihm, da er ja auch eine gegenüber der Berliner Regierung oppositionelle Politik betrieb. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Ludendorff über die zweite Jahreshälfte des Jahres 1920, über die Zeit, nachdem er von Berlin nach München gezogen war (1, S. 138):
Abb. 7: von Kahr (Quelle
Durch Oberst Bauer lernte ich auch bald die Herren v. Kahr und Pöhner kennen. Herr v. Kahr klein, untersetzt und leicht aufgeschwemmt, sowie alles andere als nordisch, war Protestant, aber Mitglied der Bayerischen Volkspartei. (...) In den Blicken des Herrn v. Kahr lag eine gewisse Verschlagenheit. Wie abhängig er von dem Willen des tatsächlichen Führers der Bayerischen Volkspartei, dem Bauerndoktor Geheimrat Heim, und damit von Nuntius Pacelli und Kardinal Faulhaber tatsächlich war, war mir damals noch unbekannt. Polizeipräsident Pöhner war eine ganz andere Erscheinung als Ministerpräsident v. Kahr. Er war groß und hager, sein Gesicht trug energische Züge. Er hatte die Polizeit Münchens von allen zweifelhaften Elementen gesäubert; hier herrschte tatsächlich Ordnung. Irgendwelche bolschewistischen Unruhen waren in München unmöglich geworden. (...) Welche Gedanken die beiden Herren im einzelnen hatten, offenbarte sich nicht. Herr v. Kahr wusste gewiss selbst nicht, wohin er geführt werden würde, und Herr Pöhner dachte wohl nur in seinem Innersten an die Errichtung einer großen wittelsbachischen Monarchie.
Auf dem Bild (Abb. 6) steht rechts Polizeipräsident Pöhner. Links neben Gustav von Kahr scheint Hauptmann Franz Hailer zu stehen, der sich auch auf einem weiteren Foto von diesem Tag mit Ludendorff im Gespräch befindet (Abb. 8).

Abb. 8: "General Ludendorff nach Verlassen des Sportplatzes auf dem Oberwiesenfeld im Gespräch mit bekannten Deutschen Militärfliegern; von links nach rechts: Hauptmann Graim (wohl richtig: Greim), Hauptmann Hailer, Major Christen" (2, S. 289)
In Abbildung 8 ist laut Erläuterung aus dem Jahr 1938 (2, S. 289) zu sehen Robert Greim (jedenfalls finden sich zu einem "Hauptmann Graim" keine Angaben im Internet). Dieser Pour le Merite-Träger ist 1918 zusätzlich mit dem bayerischen Max-Josef-Orden ausgezeichnet worden, was die Erhebung in den Adelsstand als Robert Ritter von Greim (1892-1945) (Wiki) mit sich brachte. Mit diesem Namen sollte er im April 1945 noch von Adolf Hitler zum Nachfolger Görings als letzter Oberbefehlshaber der Luftwaffe eingesetzt werden. (Greim flog dazu am 23. April 1945 mit dem damaligen Fliegeridol Hanna Reitsch ins umkämpfte Berlin und einige Tage später wieder hinaus. Hanna Reitsch spricht in ihren Büchern mit großer Achtung von Greim. Er nahm sich zwei Wochen nach der Kapitulation das Leben.)

Hauptmann Franz Hailer (1886-1967) war seit Januar 1920 Angehöriger der Polizeifliegerstaffel. Ihm sollte ein Jahr später, 1922, eine spektakuläre Landung auf der Zugspitze gelingen (Flieger-Album).

Besuch bei Ludwig Thoma (27. Juli 1921)


Am 27. Juli 1921 besuchte Erich Ludendorff den Leitartikler des "Miesbacher Anzeigers" Ludwig Thoma (1867-1921) (Wiki). Einen Monat später schon sollte Ludwig Thoma mit 54 Jahren sehr plötzlich nach einer Operation sterben. Seine Worte zum Besuch Ludendorffs sind die letzten, die sich in seinem Tagebuch finden ("Letzte Aufzeichnungen"). Sie stammen vom 28. Juli 1921:
Gestern war General Ludendorff bei mir. Wir sprachen unter anderem über die unglückliche Idee, Polen für selbständig zu erklären. Er sagte mir, die Unwahrhaftigkeit Bethmanns sei ihm in vielen Dinge begegnet, nie wunderlicher als in dieser polnischen Affäre. (...) "Und hintendrein stellte es dieser Mann so dar, als hätte er unserem Drucke nachgegeben - obwohl er 14 Tage vor unserer Berufung schon mit Burian abgeschlossen hatte ..."


Tannenbergfeier in Königsberg (13. und 14. August 1921)

Über den Sommer 1921 schreibt Erich Ludendorff (1, S. 162-167):
In dieser Zeit des Niederganges beteiligte ich mich an vaterländischen Kundgebungen in Norddeutschland. Ich hielt es für meine Pflicht gegenüber dem sich gerade hier breitmachenden marxistischen Internationalismus, der jedes völkische Wollen und jede klare Überlieferung aus der Vergangenheit ersticken wollte und alles, was früher Großes war, mit seinem Hohne traf. Wie schmerzlich mir diese Feiern durch das Erinnern an unsere stolze Vergangenheit wurden, erlebte ich bald.
Ich hatte aus Königsberg von Freiherrn v. Gayl, der in der Verwaltung Ober-Ost unter mir gearbeitet hatte und jetzt in einem Siedlungunternehmen Ostpreußens tätig war, für den 13. und 14.8. eine Einladung nach Königsberg erhalten. Ich folgte ihr. (...) Ich fuhr über Swinemünde nach Pillau mit dem Dampfer. (...) In Pillau wurde ich von Festveranstaltern begrüßt. (...) Am 13. abends war eine Vorfeier in der Stadthalle mit Fackelzug und Festkommers. Die Begrüßung, die mir zuteil wurde, war eine ungemein warme. (...)
Am Nachmittag besuchte ich noch eine Volksveranstaltung im Tiergarten. Das Stück von Wilhelm Raabe "Tannenberg" wurde gegeben, und große sportliche Leistungen gezeigt. (...) Auch hier war viel Begeisterung und viel Wärme. (...) Am Vormittage war mir die Ehrendoktor-Urkunde der medizinischen Fakultät (...) überreicht worden. (...)
Nach den Feiern in Königsberg führte mich Herr v. Gayl in einer Autofahrt quer durch die Provinz nach dem Besitz des Herrn v. Oldenburg-Januschau, der in deren westlichem Teile lag.  (...) Gemeinsame Erinnerungen ließen die Tage schnell verstreichen. Leider musste ich mich später gegen Herrn v. Oldenburg wenden.
Von diesen Anlässen finden sich in den Lebenserinnerungen Erich Ludendorffs drei Fotografien (1, S. 128f, 160). (Fotografien sind ebenso erhalten aus dem Jahr 1925, als Ludendorff zusammen mit Hindenburg dort weilte, s. Fotoarchiv Süddt. Ztg.. Ebenso von Ostpreußen-Besuchen Ludendorffs und Hindenburgs in späteren Jahren, u.a. 1927.)

Regimentsfeier des Leib-Grenadier-Regiments in Frankfurt an der Oder (August 1921)

Erich Ludendorff schreibt weiter (1, S. 167):
Gleich darauf hatte ich eine Feier in Frankfurt a.O. Die Angehörigen des Leib-Grenadier-Regiments, dem ich einst von 1890 bis 1895 angehört hatte, hatten sich versammelt.
Auch hierüber ist zunächst keine historische Fotografie verfügbar. Ebenso wenig von dem Treffen mit Paul von Hindenburg in Pommern im August 1921, von dem Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen berichtet (1, S. 168).

Der Frontkämpfer-Tag in Berlin (25. August 1921)

Von Pommern aus fuhr Ludendorff weiter nach Berlin. An der Stelle, an der sich heute das 1934 bis 1936 errichtete Olympiastadion befindet, befand sich von 1913 bis 1934 das "Deutsche Stadion" (Wiki). Dem Frontkämpfer-Tag, der dort am 25. August 1921 stattfand, wird von manchen Berichterstattern fast eine ähnlich große politische Bedeutung zugesprochen wie dem Kapp-Putsch ein gutes Jahr zuvor. Denn es war eine Großveranstaltung der konservativ-monarchischen Kräfte in Deutschland. So heißt es darüber (GB):
In der Zwischenzeit traten Ungeduld, Vorurteile und Ängste der Rechten immer mehr zutage und erreichten im Sommer ihren einstweiligen Höhepunkt in einer rein politischen, antirepublikanischen Demonstration in Berlin, dem sogenannten "Frontkämpfertag". Am 24. August 1921 begleitete Ludendorff den Demonstrationszug von 2.000 Kriegsveteranen, der von dem 39 Jahre alten Prinzen Eitel Friedrich von Preußen, dem zweiten Sohn des ehemaligen Kaisers Wilhelm II., angeführt wurde. Im Stechschritt marschierten sie durch den Eingang des Berliner Stadions, auf dem in großen Lettern prangte: "Im Felde unbesiegt" und paradierten an der kaiserlichen Loge vorbei. (...) Anschließend hielt der Militärkaplan vor den 2.000 Zuhörern eine Rede, in der er behauptete, Deutschland könne seine Größe nur durch Militärmacht, Monarchie und die Rückkehr der Dynastie der Hohenzollern wiedergewinnen. Die drei anwesenden Generäle Ludendorff, Georg Graf von Waldersee und Rüdiger von der Goltz hielten ähnliche Ansprachen. Von der Goltz, der das baltische Freikorps kommandiert hatte, (...) verlas Glückwunschtelegramme nicht nur von Admiral Scheer und Großadmiral von Tirpitz, sondern auch von Hindenburg und dem ehemaligen Kaiser selbst. Letzteres löste einen rauschenden Jubel und anhaltenden Beifall für die Dynastie der Hohenzollern aus. Das Berliner Stadion, in dem sich die Veteranen versammelt hatten, wurde von zwei- bis dreitausend Jungen und Mädchen gefüllt, deren präziser Drill und militärische Bewegungen einem Augenzeugen zufolge "höchst beeindruckend" waren.
Die hier gefeierte Personengruppe der erfolgreichen deutschen Befehlshaber des Ersten Weltkrieges ist noch bis etwa 1924 immer einmal wieder in wechselnden Zusammensetzungen öffentlich aufgetreten, etwa auf dem Deutschen Tag in Halle 1924. Erich Ludendorff berichtet über diesen Berliner Frontkämpfertag eine Spur verhaltener als es damals in seinen Kreisen üblich war (1, S. 168f):
Viele Tausende von alten Frontkämpfern waren gekommen. Noch größer war die Masse der Zuschauer. General v. d. Goltz und ich hielten Ansprachen. Dann erfolgte ein Vorbeimarsch vor mir und den Ehrengästen, darunter auch Prinzen des königlichen Haues der Hohenzollern. Das rote Berlin hatte wiederum Uniformen des alten Heeres gesehen und sich überzeugen können, dass seine Überlieferung in weiten Kreisen der Bevölkerung noch recht lebendig wach war. Allerdings konnte ich mich nicht darüber täuschen, dass die Massen, aber auch die alten Kameraden, recht wenig über die wahren Zusammenhänge nachgedacht hatten. Wie vor dem Weltkriege herrschte ein gewisser Hurra-Patriotismus vor, der durch äußerliches, zuweilen lautes Auftreten Unklarheiten und Mangel an Gehalt verdeckte. Ich sah auch im Geiste die Millionen, die nicht anwesend waren, wenn andere sich über die Anwesenheit von Tausenden freuten.
Abschließend schreibt er:
Ich hatte schöne Tage in Norddeutschland verlebt und das Sehnen von Millionen nach Freiheit empfinden können. Nun kehrte ich wieder nach München zurück, wo die politischen Verhältnisse sich inzwischen weiter entwickelt hatten.
Im Bildarchiv der Süddeutschen Zeitung finden sich Fotografien von diesem Anlass:

  • "Erich Ludendorff, Prinz Eitel Friedrich und Admiral von Schröder am Frontkämpfertag, 1921"
  • "Marschierende Offiziere am Frontkämpfertag, 1921"
  • "Im Rahmen des Frontkämpfertages marschiert das Freiwilligen-Corps Brüssow mit seiner Korps-Fahne vor Zuschauern in der Hauptstadt auf."

Im "Herbst 1921" schloss Erich Ludendorff dann die Arbeit an seinem Buch "Kriegführung und Politik" ab. Die zentralen Gedankengänge desselben bezeichnet er in seinen Lebenserinnerungen schon als "völkisch" (1, S. 183-190). Im Oktober 1921 nahm er erneut an einem Treffen der Max-Josef-Ordens-Ritter teil (1, S. 147), von dem er berichtet (1, S. 175), dass sich der Kronprinz Rupprecht auf diesem "entgegenkommender gegen mich als bisher" verhalten habe. Das sollte offenbar auch auf dem Trauergedenktag so sein, was zwar auf einer Fotografie gut zu sehen ist, in den Lebenserinnerungen Ludendorffs jedoch nicht erwähnt wird.

Der Trauergedenktag in München (9. Oktober 1921)

Schon während des Ersten Weltkrieges hat es "Opfertage" gegeben, an denen der Gefallenen und der Kriegsversehrten gedacht und für sie gesammelt wurde. Daraus entwickelte sich nach dem Ersten Weltkrieg nach und nach der Volkstrauertag, der anfangs in verschiedenen Städten noch mit verschiedenen Namen benannt worden ist (Trauer- oder Opfertag, Trauergedenktag). Die Historikerin Alexandra Kaiser beschreibt diese Entwicklung und berichtet über das Jahr 1921 in München:
Am 9. Oktober (...) war München erneut Schauplatz eines - wie er nun angekündigt wurde - Opfer- und Gedenktags, der gemeinsam vom Bayerischen Kriegerbund und vom Hilfsbund der Münchener Einwohnerschaft veranstaltet wurde. (...) Die eigentliche Gedenkfeier, bei welcher der Kriegerbund als Dachorganisation der Kriegervereine wie im Jahr zuvor die Regie führte, fand diesmal auf dem Königsplatz statt. (...) Wie im Vorjahr begann der Gedenktag 1921 mit einem Aufmarsch der zahlreichen Krieger- und Militärvereine sowie der studentischen Korporationen, die auf dem Königsplatz Aufstellung nahmen. Der Platz war festlich dekoriert; Feuerschalen brannten; vor dem Säulengang des Kunstausstellungsgebäudes stand ein Feueraltar.
Auf historischen Fotografien ist zu sehen, dass auch Erich Ludendorff an dieser Veranstaltung vom 9. Oktober 1921 teilgenommen hat. Ebenso ist auf diesen zu sehen, dass er dabei - wohl vor Beginn der Feier - auch von dem Kronprinzen Rupprecht angesprochen worden ist. 

Abb. 9: Erich Ludendorff auf dem Trauer-Gedenktag auf dem Königsplatz in München, 9. Oktober 1921
Auf zeitgenössischen Fotografien ist Erich Ludendorff aus diesem Anlass zu sehen umringt von hohen bayerischen Generälen und Offizieren, sowie auch von Zivilpersonen. 

Abb. 10: Erich Ludendorff zweiter von rechts
Im Juli 1921, so berichtet Ludendorff (1, S. 171), war ein Brief des Kronprinzen Rupprecht veröffentlicht worden, in dem er sich als ausgesprochener Partikularist der deutschen und insbesondere bayerischen Öffentlichkeit vorgestellt hat und in dem er sich der konservativen Rechten zugleich als Monarchist und Thronfolger als bayerischer König, wenn nicht sogar als (besserer) Deutscher Kaiser empfahl. Ludendorff (1, S. 173):
Mit Recht bezeichnet der Historiker Professor Fester, mit dem ich auch über Geschichteforschung gesprochen habe, in seinem Buche über den letzten österreichischen Kaiser Karl diesen Brief als ersten Axthieb an die Wurzeln des Bismarckreiches.
Ludendorff vermutete, dass die Jesuiten hinter der Veröffentlichung dieses Briefes steckten. Auf dem Trauergedenk-Tag in München traf Ludendorff Kronprinz Rupprecht wieder und sprach mit ihm, umgeben von einflussreichen, monarchisch und konservativ gesonnenen bayerischen Offizieren. Dieses sicherlich nur kurze Zusammentreffen erwähnt Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen nicht.

Abb. 11: Kronprinz Rupprecht, Siry, Gen. Hemmer, Ludendorff, Oberst Seisser - "Trauer-Gedenktag" auf dem Königsplatz München am 9. Oktober 1921 - Der Kronprinz Rupprecht ist Ludendorff gegenüber "entgegenkommender als bisher"
Für den, der die vorhergegangen und nachherigen Ereignisse kennt, erzählt diese Fotografie aber womöglich sehr viel. Das Foto zeigt den Kronprinzen Rupprecht im Gespräch mit Erich Ludendorff. Zwischen ihnen hört diesem Gespräch zu jener Major a.D. Alexander Siry (geb. 1879), der in der Nacht vom 8. auf 9. November 1923 zwischen Ludendorff und Hitler einerseits und General von Lossow andererseits zu vermitteln suchte als - erfolgloser - Botschafter Ludendorffs bei dem General von Lossow. Lossow sollte sich in jener Nacht fünfmal und Kahr dreimal weigern, den Major Siry zu dem seit 23 Uhr dringend auf Nachrichten wartenden ehemaligen Generalquartiermeister zurück zu senden. Vielmehr drohte er Siry Schutzhaft an.

Abb. 12: Kronprinz Rupprecht, Ludendorff, Oberst Seisser - "Trauer-Gedenktag auf dem Königsplatz in München am 9. Oktober 1921"
Rechts neben Major Siry hört dem Gespräch zu Hans (von) Hemmer (1869-1931). Bei ihm handelt es sich um einen hoch dekorierten bayerischen Offizier des Ersten Weltkrieges. 1915 war er als Oberstleutnant Chef des Generalstabes der Südarmee unter General Felix Graf von Bothmer gewesen (an der Ostfront). 1917 war er zum Oberst befördert worden, 1918 Chef des Generalstabes der 19. Armee in Lothringen, also an der Westfront. In diesen Stellungen hatte er sich viele Verdienste erworben. Beim Ausscheiden aus dem aktiven Dienst im Jahr 1920 war er zum Generalmajor befördert worden.

Abb. 13: Trauer-Gedenktag München
Rechts neben, bzw. hinter Ludendorff steht schließlich - mit geradezu abschätziger Miene - Oberst Hans (von) Seißer (1874-1973). Bei ihm handelte es sich um den damaligen Chef der bayerischen Landespolizei. Er hatte einerseits Ludendorff, nachdem er nach Bayern gekommen war, einen Adjutanten gestellt (siehe oben). In der Nacht vom 8. auf 9. November 1923 sollte er sich jedoch - zusammen mit von Kahr und von Lossow - ebenfalls der zuvor mit Ludendorff und Hitler vereinbarten Zusammenarbeit entziehen.

Abb. 14: "Trauer-Gedenktag" auf dem Königsplatz in München am 9. Oktober 1921
Abbildung 11 zeigt nur einen Ausschnitt, Abbildung 12 die Gesamtszene, wobei deutlich wird, dass am selben Ort noch zahlreiche weitere Offiziere versammelt sind. Abbildung 13 und 14 zeigen weitere Fotografien von diesem Anlass, wobei auf letzterem in vorderster Reihe die Angehörigen des bayerischen Königshauses zu sehen sind, vielleicht steht daneben Erich Ludendorff.

Kadettentag in München (16. Oktober 1921)

Auch einen Kadettentag in München vom 16. Oktober 1921 erwähnt Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen nicht. Es sind aber von diesem Anlass Fotografien erhalten, die ihn zeigen.

Abb. 15: Erich Ludendorff mit einem Herrn in Zylinder
Vielleicht handelt es sich bei der Person, die links etwas im Abstand von Ludendorff auf Abbildung 15 steht, um seinen schon erwähnten damaligen "Adjutanten" Wilhelm von Grolman. Diese Person ist auch auf weiteren Fotografien (Abb. 16, 17, 19, 20) meist schräg versetzt hinter Ludendorff zu sehen.

Abb. 16: "Exzellenz v. Ludendorff schreitet die Front der in der Reichswehr befindlichen jungen Cadetten Offiziere ab"
Erich Ludendorff zählt in seinen Lebenserinnerungen seine Freunde im bayerischen Offizierskorps auf und seine bayerisch-partikularistischen Gegner innerhalb desselben, geführt vom Kronprinzen Rupprecht. Hierbei schreibt er über den Prinzen Leopold von Bayern, den bärtigen alten Mann auf vielen Fotografien des Ersten Weltkrieges und danach (1, S. 144):
Die Prinzen des wittelsbachischen Hauses schlossen sich indes, soweit ich mit ihnen in Berührung kam, wenigstens äußerlich betrachtet, nicht Kronprinz Rupprecht in ihrem Verhalten gegen mich an. Generalfeldmarschall Prinz Leopold von Bayern war stets von ausgesuchter Liebenswürdigkeit gegen mich. Er war Soldat. Ich habe sein soldatisches Fühlen schätzen gelernt, da er sich im Sommer 1915 als älterer Generalfeldmarschall dem Oberkommando des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg unterstellte. (...) Als ich im August 1916 in die Oberste Heeresleitung berufen wurde, schwankte ich keinen Augenblick, dem Kaiser zu raten, dem Generalfeldmarschall Prinz Leopold von Bayern, dem Oberst Hoffmann als Chef beigegeben wurde, die Führung der Ostfront anzuvertrauen. Generalfeldmarschall Prinz Leopold von Bayern hat dieses Vertrauen voll gerechtfertigt. Nicht anders wie das Verhalten dieses Prinzen war das der Prinzen Arnulf und Ludwig Ferdinand.
Abb. 17: "S.K.H. Prinz Leopold v. Bayern (im Mantel), Exzellenz v. Ludendorff links, Exzellenz Krafft v. Delmensingen rechts Exzell. Generalleutnant Hübner (letzter Commandeur d. Cadetten Corps 1914)"
Über die Gruppe seiner Gegner im bayerischen Offizierskorps sagt er unter anderem (1, S. 145f):
Endlich trat als mein scharfer Gegner General Krafft v. Delmensingen hervor. Er war Chef des Generalstabes der Armee des Kronprinzen Rupprecht in Lothringen - der 6. - gewesen. Er hatte dann das Alpenkorps erhalten.
Krafft von Delmensingen ist ebenfalls in Abbildung 17, sowie 25 (ganz rechts) zu sehen. Als Befehlshaber des Alpenkorps konnte er den bekannten großen Sieg über die Italiener erringen (Isonzoschlacht). Erich Ludendorff schreibt weiter:
Nach gelungenem Angriff setzte ich das gleiche Armeeoberkommando an der Westfront ein. Seine Führung in der großen Schlacht von Frankreich war nicht gerade glücklich; aber diese Ansicht hatte ich für mich behalten. Woher eigentlich die Feindschaft des Generals v. Krafft kam, weiß ich nicht. Sie entsprang wohl im wesentlichen der Abneigung des Kronprinzen Rupprecht gegen meine Person.
Es existiert ein Gemälde, das Krafft von Delmensingen als Generalstabschef des Kronprinzen Rupprecht zeigt (von dem Maler Fritz Reusing, siehe GB).

Abb. 18: "S.K.H. Prinz Alfons v. Bayern links, Exzellenz Ludendorff mitte, Exzellenz v. Hartz rechts"
Von dem Kadettentag haben sich noch zahlreiche weitere Fotografien erhalten (s. Historische Bilddokumente).

Die Beisetzung König Ludwigs III. in München (5. November 1921)

Erich Ludendorff nahm auch an den Beisetzungsfeierlichkeiten für das bayerische Königspaar am 5. November 1921 in München teil (1, S. 174f).

Abb. 19: Ludendorff am 5.11.1921 umringt von höheren bayerischen Offizieren 
Auch hier zeigen ihn zeitgenössische Fotografien umringt von höheren bayerischen Offizieren. Ludendorff berichtet (1, S. 174):
Die Feier gestaltete sich zu einer großen monarchischen Kundgebung. Es wurde von vielen erwartet, dass Kronprinz Rupprecht sich an diesem Tage als König von Bayern erklären würde. Ich habe diesen Schritt nicht von ihm erwartet, dazu fehlte ihm die Entschlossenheit, auch war die Lage wirklich nicht danach angetan. (...) Der endlose Trauerzug bewegte sich von der Ludwigskirche durch die Straßen Münchens nach der Frauenkirche. Ich schritt in ihm inmitten der bayerischen Generalität.
Der Augenblick, in dem der Kronprinz die Kirche verließ, sollte jener sein, in dem er sich zum König hätte ausrufen lassen. Die Fahnen senkten sich zwar vor ihm, er grüßte sie aber nur schweigend mit dem Marschallstab, so Ludendorff:
Korps Oberland hatte sich umsonst bereit gestellt, um einem etwaigen "Königsputsch" entgegenzutreten.

Abb. 20: Beisetzungsfeierlichkeiten für das bayrische Königspaar, 5. November 1921
Ludendorff schreibt weiter (1, S. 175):
Einige Tage später sprach ich dem Kronprinzen mein Beileid zum Heimgang seines Vaters aus.Er war, wie schon bei der Anfang Oktober stattgehabten Feier der Max-Josef-Ordens-Ritter entgegenkommender gegen mich als bisher. Glaubte er vielleicht, mich für seine Pläne zu gewinnen, nachdem er gehört hatte, mich welchem Jubel ich in Königsberg und Frankfurt a.d.O. begrüßt worden war?
Für den Winter 1921/22 berichtet Ludendorff über seine Forschungen (1, S. 175):
Ich forschte und forschte über unsere Vergangenheit, über die wahren Zusammenhänge unseres politischen Lebens und für die Gewinnung von Grundlagen einer wirklichen Deutschen Volksschöpfung, die allen Stürmen der Zeit Stand halten würde und sich nicht so brüchig erwies wie im Weltkriege.

Hugo Stinnes benennt eines seiner Dampfschiffe "Ludendorff"

Im Jahr 1921 lief das Dampfschiff "Ludendorff" vom Stapel (Wiki). Es ist darüber zu erfahren (Wiki):
Die Stinnes-Reederei eröffnete ihren Ostasiendienst am 14. Oktober 1922 mit dem Frachter "Hindenburg", dem dann die "Emil Kirdorf" auf ihrer Jungfernreise folgte. Die neuen Schiffe unterhielten zusammen mit den großen, 12.000 tdw tragenden Frachtschiffen mit kleiner Passagiereinrichtung "Havenstein", "Ludendorff", "Tirpitz" und der unter Danziger Flagge laufende "Oliva" eine Linie mit monatlichen Abfahrten von Hamburg nach Ostasien.
Die Benennung der Dampfer ging auf den Hamburger Reeder Hugo Stinnes zurück, der zu jener Zeit ein großer Verehrer von Ludendorff war (10):
Hugo Stinnes (...) wurde von Demonstranten in Vegesack erwartet, als seine Schiffe "Ludendorff" und "Hindenburg" vom Stapel liefen. Vor allem die Sozialdemokraten erkannten in der Namensnennung der beiden Dampfer eine Betonung der politischen Gesinnung des Großindustriellen.

Abb 21: Dampfer Ludendorff, Postkarte
Für den Dampfer erwarb Stinnes auch ein Ludendorff-Portrait des Malers Wilhelm Petersen (9). Der Dampfer wurde - laut Wikipedia - noch im Jahr 1927 umbenannt in "Mecklenburg". Offenbar hatte sich Ludendorff auch bei Hugo Stinnes mit seinem Buch gegen die Freimaurerei "unmöglich" gemacht.

Abb. 22: Dampfer "Ludendorff" - Stapellauf 1921, umbenannt 1927
Wenn als Jahr für die Umbenennung auf Wikipedia 1927 angegeben wird, so wird dies durch einen "Heuerschein" infrage gestellt, nach dem das Schiff noch am 12. April 1928 mit dem Namen "Ludendorff" bezeichnet wurde.


Abb. 23: Heuerschein der Hamburg-Amerika-Linie
für das Schiff "Ludendorff" vom 12. April 1928 (Ebay 2016) 
Das Schiff endete 1939 durch Selbstversenkung nahe Sable Island.

_______________________________________________
  1. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1941 (12.-16. Tsd.; Erstausgabe: 1940)
  2. Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag, München 1938
  3. Kaiser, Alexandra: Von Helden und Opfern. Eine Geschichte des Volkstrauertags. Campus-Verlag, Frankfurt/M. 2010 (GB)
  4. Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen. Mittler & Sohn, Berlin 1919
  5. Asmus, Burkhard: Republik ohne Chance? Akzeptanz und Legitimation der Weimarer Republik in der deutschen Tagespresse zwischen 1918 und 1923. Walter de Gruyter, Berlin 1994 (GB)
  6. Ludendorff, Erich: Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit 1916-1918. Mittler & Sohn, Berlin 1920, https://archive.org/details/urkundenderobers00lude
  7. Ludendorff, Erich: Kriegführung und Politik. Mittler & Sohn, Berlin 1921, 2. durchgesehene Auflage 1922, https://archive.org/details/kriegfhrungundp00ludegoog
  8. Jenrich, Joachim: Das Fliegerdenkmal auf der Wasserkuppe. Der größte Tag der Wasserkuppe. Ein spannender Bericht. In: ders.: Die Wasserkuppe - Wissenswertes über einen interessanten Berg in der Rhön. Auf Rhoenline.de, 2004, http://www.rhoenline.de/fliegerdenkmal.html
  9. Ludendorff, Margarethe: Als ich Ludendorffs Frau war. Drei Masken Verlag, 1929, S. 20
  10. Kiesel, Wolfgang: Bremer Vulkan - Aufstieg und Fall. 200 Jahre Schiffbaugeschichte. 1997 (Google Bücher)

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