Sonntag, 12. November 2017

"Diese völkischen Religionsdilettanten"

Ein angesehener katholischer Schriftsteller im Februar 1932 über die "Religionsknetereien" der "arischen Christen" der NSDAP und die von ihm so empfundene "Ehrlichkeit" des Hauses Ludendorff diesen gegenüber

Die österreichische Hauptstadt Wien war und ist bis heute ein Zentrum des politischen Katholizismus. Dort kann man, fest und ruhig im "rechten Glauben" wurzelnd, seinen Blick gerne einmal schweifen lassen über die unruhigen Zeiten hinweg. So tat dies im Februar 1932 einer der führenden katholischen Publizisten seiner Zeit, der auch die Achtung politischer und weltanschaulicher Gegner genossen habe - wie mit einem gewissen Respekt vermerkt wird (Wien-Wiki), nämlich Joseph Eberle (Pseudonym Edgar Mühlen) (1884-1947) (Wiki). Dieser war Schriftleiter der Zeitschrift "Das Neue Reich - Christlichsoziale Wochenschrift für Kultur, Politik und Volkswirtschaft", eine Zeitschrift, die zwischen 1918 und 1938 in Wien erschienen ist, und die den größten Teil ihrer Leserschaft im katholischen Teil des Deutschen Reiches fand.

Abb. 1: Spruchkarte der NSDAP
Eberle war ein katholischer Antisemit, man darf dementsprechend auch annehmen: Freimaurer-Kritiker. Und er war konsequenter Unterstützer des Austrofaschismus. Und natürlich haben er und seine Zeitschrift sich - vom sicheren Hort des eigenen katholischen Glaubens aus - auch mit den religiösen Auseinandersetzungen ihrer Zeit beschäftigt. Eberle ist diesbezüglich gerade heraus, er scheint kein Intrigenspieler gewesen zu sein, keiner, der mit doppeltem Boden argumentiere. Und er beobachtete - wie so viele Aufgewecktere - die starken zeitgeistigen Bewegungen weg vom Christentum, für die ja damals nicht nur die Sozialdemokraten und Kommunisten bekannt waren, sondern mehr noch im bürgerlichen Lager die völkische Bewegung. 

"Entjudaisierung des Christentums" im Dritten Reich


Als Antisemiten waren die Nationalsozialisten von vornherein dazu veranlagt, auf die "jüdische" Bibel scheel zu blicken. Und aus diesen Gefühlslagen heraus entstanden die starken Bestrebungen zur "Entjudaisierung des Christentums" innerhalb der evangelischen Kirche von Seiten der "deutschen Christen" bis hin zu Adolf Hitler, seinem Reichsbischof Müller und bis hin zu Alfred Rosenberg (Wiki). Diese Bewegung wurde auch von Seiten des Ehepaares Ludendorff immer wieder mit kritischen Aufsätzen begleitet und charakterisiert (zusammen gestellt in: 1).

Unter dem sonst offenbar nie in der Zeitschrift benutzten Pseudonym "Teutonicus" erschien in der genannten Wiener rechtskatholischen Zeitschrift im Februar 1932 ein Aufsatz, der sich auch mit den religionskritischen Stellungnahmen des Ehepaares Ludendorff beschäftigte. Er trug den keineswegs doppelbödigen oder irgendwie zynischen Titel "Von Luther zu Ludendorff. Das Entweder-Oder der völkischen Religion" (2). Im folgenden wird davon ausgegangen, daß dieser Aufsatz vom Schriftleiter Joseph Eberle selbst stammte. Uns scheint zunächst nichts gegen, aber einiges für diese Annahme zu sprechen. Der Verfasser, Joseph Eberle also vermutlich, hatte, wie der Aufsatz zeigt, das im Vorjahr erschienene Buch "Erlösung von Jesu Christo" von Mathilde Ludendorff gelesen. Und das Lesen dieses Buches - sowie das Lesen der Kritik dieses Buches durch Alfred Rosenberg - mag ihn veranlaßt haben, einen Aufsatz zu schreiben darüber, daß die völkischen Religionsbestrebungen innerhalb des Protestantismus voller Halbheiten wären und daß sie deshalb für ehrliche Menschen ein "Entweder-Oder" fordern würden, ein "Entweder-Oder", vor das zumindest Erich und Mathilde Ludendorff ihre Leserschaft klar stellen würden. Eberle schreibt über Erich Ludendorff:
Man möge ihn bekämpfen, gut! Aber sein Werk ist danach angetan, ernst genommen zu werden. Was er und Mathilde Ludendorff zu der völkisch-religiösen Bewegung unserer Zeit zu sagen haben, ist zu schwerwiegend, um auf Dummejungenart damit fertig werden zu wollen. (...) Hier handelt es sich darum, daß bewiesen wird: eine völkisch-rassige Religion, und möge sich noch so viel vom Christentum an Anschauungen, Dogmen und Symbolen übernommen haben, kann nie und nimmer Christentum sein. (...) Wer sich der Logik Roms nicht beugen will, der muß sich dann als geistig gesunder und vor sich selbst ehrlicher Mensch der Ludendorffs unterwerfen.
Das sind starke Sätze. Dieser Aufsatz wird von all den Intrigenspinnern innerhalb der katholischen Kirche, die schon damals mit den Nationalsozialisten so doppelbödig küngelten, um auf dieser Küngelei so ihr ganz eigenes Süppchen kochen zu können, nicht unbedingt mit voller Zustimmung gelesen worden sein. Ihnen müssen ja alle Unklarheiten und Halbheiten viel lieber gewesen sein unter den völkischen Protestanten und katholischen Völkischen als ein klares "Entweder-Oder". Diese Forderung nach Ehrlichkeit und "Entweder-Oder" unter Protestanten, die dem Neuheidentum viel eher zuneigten als dem Christentum, schon gar jenem im katholischen Gewand, konnte für sie damals doch nur als "kontraproduktiv" empfunden werden. Aber vielleicht war man im Erkenntnisprozeß im Jahr 1932 auch noch nicht so weit. Die Forderung von Eberle zum Entweder-Oder war jedenfalls ehrlich und deshalb scheint es heute noch so interessant, sich mit ihr zu beschäftigen.

Abb. 2: Ein Zeugnis für den Zeitgeist: Arischer Jesus - Karikatur im "Stürmer"

"Die Ehrlichkeit, zum Christentum ein glattes Nein zu sagen"


Eberle führt aus, daß alles "arische", "heldische" Christentum mit seinem "arischen", "heldischen" Jesus", um das sich in jenen Zeiten viele Nationalsozialisten und nationalsozialistische Pfarrer und - wie wir heute angesichts von Hitlers Bibliothek erahnen können - wohl auch Adolf Hitler selbst bemühten, unmöglichste, konfuseste "Halbheiten" seien:
Wir jedenfalls gestatten uns, demgegenüber die völkische Logik allein bei den Ludendorffs zu finden, die mit einer Klarheit, die wirklich nichts zu wünschen übrig läßt, im Gegensatz zu diesen völkischen Religionsdilettanten die völlige Einheit des alt- und neutestamentlichen Gottesbegriffs beweisen.
Als Beleg bringt er in einer Anmerkung an dieser Stelle:
Mathilde Ludendorff. Erlösung von Jesu Christo. München 1931. Seite 131 und öfter.
Die genannten "Religionsdilettanten" wollten ja damals ein angeblich "arisches", "heldisches" Geistesgut innerhalb der Bibel von dem übrigen jüdischen Geistesgut der Bibel aussondern, jeder wieder auf andere Weise, wozu eben gerne auch unterschiedliche Gottesbegriffe im Alten und Neuen Testament unterstellt wurden. Und Eberle ist nun froh, angesichts all dieses Halben und Konfusen in Mathilde Ludendorff jemanden gefunden zu haben, die wenigstens bei solchen Halbheiten nicht mitmachte. Er schreibt weiter - gegen Alfred Rosenbergs damalige Kritik an Mathilde Ludendorff:
Vollends sonderbar berührt es, wenn völkische Kritiker Mathilde Ludendorff, der Heidin, vorwerfen (...), sie schreibe ohne jede Berücksichtigung der protestantischen Bibelkritik.
Bekanntlich war für Rosenberg diese Bibelkritik die Grundlage, mit deren Hilfe er "wissenschaftlich" "aussortieren" wollte, was von den Bibelinhalten weiterhin als gültig anzusehen sei und was nicht. Solchen "Religionsknetereien" wie Eberle Rosenbergs Hoffnungen und Erwartungen ganz richtig charakterisiert, schreibt er ins Stammbuch:
Ludendorff jedoch erklärt mit einer Entschiedenheit und Überzeugtheit, die jedem Katholiken Ehre machen würde, die Einheit und Geschlossenheit des von der Kirche gelehrten Christentums, Mathilde Ludendorff weiß, daß die Schrift, so wie sie uns vorliegt und so wie die Kirche sie lehrt, das Christentum bedeutet. (...) Schon zu Anfang ihres Buches stellt sie den Grundsatz auf: "Da jedes Wort der Evangelisten als Wort Gottes den Völkern gelehrt wird und Vorbild für sie ist, so ist bei solcher Betrachtung jedes Wort der vier Evangelien gleich wichtig. Es müssen alle Worte beachtet werden. Keine kritische Behandlung des Christentums hat diese Grundforderung erfüllt und deshalb hat keine wirklich überzeugt." (Erlösung, S. 9)
Abb. 3: "Von Luther zu Ludendorff - Das Entweder-Oder der völkischen Religion" Sonderdruck aus "Das Neue Reich", 6., 13. und 20. Februar 1932

"Das finstere Lachen des Heiden Ludendorff"


Eberle fährt fort:
Adolf Hitlers Halbheit, für ihn selbst so folgenschwer, liegt darin: ein völkischer, ein Rassestaat im Sinne der Nationalsozialisten ist als christliche Schöpfung, ja selbst als rein politische Schöpfung nur unter Duldung seitens des Christentums ein Unding.
Mit diesem Satz steht er völlig auf dem Standpunkt von Erich und Mathilde Ludendorff, aber wird sich keine Freunde bei den Kunglern des politischen Katholizismus damit gemacht haben. Er sagt weiter über den Christen und Katholiken Hitler:
Er ist nicht tief genug in den Geist des Christentums eingedrungen, um zu erkennen: dies Christentum ist ein Ganzes, bei ihm gibt es, seiner Natur nach, keine Privatsache, im Christentum ist der ganze Mensch, also auch der politische Mensch der Religion Gehorsam schuldig.
Und diesen ungeheuerlichen Gedanken, gegen den die Ludendorffs ja immer wieder angegangen sind, weil er so viele Implikaitonen mit sich führt, erläutert Eberle dann noch weitergehend. Eberle führt Zeugnisse für all die Halbheiten der völkisch-christlichen "Religionskneter" an, die er offenbar bei Mathilde Ludendorff behandelt und in ihrem feierlichen Bombast schon als lächerlich kritisiert gefunden hat. Und auch er nennt sie "Schäferspiel mit geliehenen Masken und Fähnchen", nennt sie "Alfanzereien" und fährt dann nach dem Anführen solchen bombastischen Getöses und solcher arisch-christlicher Glaubensbekenntnisse fort:
"Mehr kann man nicht verlagen!" sagt Mathilde Ludendorff bissig dazu, aber ich wüßte außer den Ludendorffs niemanden zu nennen - ich spreche hier von den Völkischen -, der die gerade Ehrlichkeit aufgebracht hätte, zu dem Christentum ein glattes Nein zu sagen.
Und Eberle kennt - wie Mathilde Ludendorff - die psychologischen Ursachen für all die Halbheiten. Er wird quasi zum katholischen "Rosenberg"- und "Hitler-Versteher", wenn er schreibt:
Denn es gehört schon eine große Kraft, viel Überwindung dazu, mit liebgewordenen Anschauungen auf einmal ganz zu brechen. Die schönen Erinnerungen aus der gläubigen Jugendzeit sozusagen aus dem Gedächtnis zu streichen und mit umgekehrten Zeichen zu werten. Da ist es freilich viel bequemer, einfach zu sagen: früher haben wir das nur falsch verstanden und jetzt sind wir "im wahren Christentum". 
Eberle schreibt ganz auf konsequent-katholischer Linie:
Alle diese völkischen Christen vergessen, daß die christlichen Gebote, z. B. das der Feindesliebe, der Demut, der Missionierung des Erdkreises ("Gehet hin und lehret alle Völker") sich immer irgendwie geschichtlich-politisch, nicht nur rein religiös auswirken müssen. Mögen sie es sich, wenn nicht von einem Katholiken, so von Ludendorff, dem Antichristen, sagen lassen, daß das Christentum überpersönlich ist, also nicht und nie danach fragt, was dem einzelnen an der Lehre gefällt und was nicht; und noch etwas, was für die Völkischen wohl das Wesentlichste ist: nämlich daß selbst jedes Überbleibsel des Christentums, das man in die völkische Rassegemeinschaft übernimmt, sich früher oder später gegen den Rassestaat auswirken muß und ihm noch vor seinem endgültigen Gestaltwerden zu Fall bringen wird.
Auch das sind geradezu prophetische Worte. Eberle führt dann zahlreiche Halbheiten insbesondere des damaligen "Geistchristentums" des Nationalsozialisten Artur Dinter (1876-1948) in diesem Sinne an und sagt dazu:
Mit diesem halben Christentum läßt sich weder eine "artgemäße Religion", noch "die Aufrichtung eines dritten Reiches, eines völkischen Großdeutschland" erreichen.
Und abschließend sagt er zu dieser Clownerie:
Klatscht Beifall, Freunde, die Komödie ist zu Ende. Und durch den öden Raum hallt nur noch das finstere Lachen des Heiden Ludendorff.
Und das muß nicht kommentiert werden. Es ist das ein Bild, das man aus den zeitgenössischen Quellen sonst so nicht kennt. Ein lachender Ludendorff ist dort nie vorhanden. Und wenn er von seiten eines Katholiken nun hier dennoch gezeigt wird im Angesicht der Clownerie der "Religionskneter", dann muß es ja immerhin noch ein "finsteres Lachen" sein. Denn es ist ja auch der klaren und ehrlichen Forderung nach einem Entweder-Oder für oder gegen das Christentum entsprungen. Womöglich ein eher ungewöhnliches Zeitzeugnis.

Abb. 4: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 2 

Abb. 5: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 3

Abb. 6: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 4
Aber in vielem erinnert es natürlich auch an die Predigten des Münchner Kardinals Faulhaber, die ein Jahr später unter dem Titel "Judentum, Christentum, Germanentum" erschienen. Kardinal Faulhaber war ein Befürworter der Teilnahme Deutschlands am Spanischen Bürgerkrieg, das der Durchsetzung des klerikal-faschistischen Franco-Regimes diente (Wiki):
Im November 1936 sprach Faulhaber in einer Predigt über die Bereitschaft zum Leiden und heroischen Taten, die die christliche Weltanschauung fordere. Als Beispiele nannte er den von NS- und anderen rechten Kreisen zum Märtyrer erhobenen Albert Leo Schlageter, auf dessen katholische Konfession er sich bezog, und die „Helden“ des Alcázar im spanischen Bürgerkrieg.
Er also war schon wieder ein Doppelbödiger und Taktierer, der sich von verdächtigen Neuheiden katholische Kriege, bzw. Kriege im katholischen Interesse führen ließ und von ihnen "Leiden und heroische Taten" forderte.

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  1. Ludendorff, Erich und Mathilde: Die machtvolle Religiosität des deutschen Volkes vor 1945. Dokumente zur deutschen Religions- und Geistesgeschichte 1933 - 1945. Zusammengestellt und erläutert von Erich Meinecke. Freiland-Verlag, Viöl 2004
  2. Teutonicus (Pseud.): Von Luther zu Ludendorff. Das Entweder-Oder der völkischen Religion. In: Das Neue Reich. Jg. 14, 6., 13. und 20. Februar 1932, Folgen 19-21, S. 359-60, 379-80 und 401-02
  3. Bading, Ingo: Ludendorff regt die Veröffentlichung der Schrift "Protestantische Rompilger" an Tagebuch-Einträge von Alfred Rosenberg zwischen den Jahren 1936 bis 1938. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 19. September 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/09/ludendorff-regt-die-veroffentlichung.html

Mittwoch, 8. November 2017

Erich Ludendorff im Kreise von Hurra-Patrioten

Als Ehrengast im Freundeskreis rund um den Berliner "Kladderadatsch" (1919)

Nirgendwo in seinen Lebenserinnerungen berichtet Erich Ludendorff (1865-1937) (Wiki), daß er schon in seiner Zeit als Leutnant im Seebataillon 1887 bis 1890 - vermutlich in Kiel - den Verleger der Berliner politisch-satirischen Wochenzeitschrift "Kladderatsch" (Wiki) kennengelernt hatte. Es war dies ein Rudolf Hofmann. Und gleich nach seiner Rückkehr aus Schweden im Frühsommer 1919 bewegte er sich eine Zeit lang im Umkreis dieses Verlegers. Vermutlich war ihm dieser Personenkreis nicht bedeutend genug, um ihn in seinen Lebenserinnerungen zu erwähnen. Dieser Personenkreis ist aber durchaus bezeichnend für jenes Umfeld, in dem sich Ludendorff damals bewegte in einem Lebensabschnitt, den er mit den Worten "auf nationalen Wegen" kennzeichnete.

Hurra-Patrioten "ohne klares Wollen"


Im Rückblick auf sein Leben meinte Erich Ludendorff, daß er sich bis zum März 1920 auf tradionell "nationalen Wegen" bewegt habe im Umkreis jenes Patriotismus, den es schon im Kaiserreich gegeben hatte. Und genau hierzu gehörte auch der Mitarbeiterkreis des "Kladderadatsch". Am 23. Februar 1919 war er von Schweden nach Berlin zurück gekehrt (1, S. 46). Zunächst hatte er bei seinem Freund, dem Hauptmann Breuer, gewohnt, dann einige Tage im Hotel Adlon. Hier besuchte ihn der damalige Freikorpsführer Oberst Wilhelm Reinhard (1869-1955) (Wiki). Im Zusammenhang mit ihm kommt Ludendorff ein wenig auf jenes oberflächlich-nationale Umfeld zu sprechen, in dem er sich damals bewegte (1, S. 52):
Er (Reinhard) bat mich, doch eines Mittags zu Hiller zu kommen, um dort mit seiner näheren Umgebung zusammen zu sein. Ich staunte über "Hiller". Das war in der Vorkriegszeit eine der teuersten Gaststätten Berlins. Ich ging hin. Prächtige Menschen waren dort versammelt, durchglüht von dem Wunsche, die Ordnung in Berlin und im Reich wiederherzustellen, aber darüber hinaus ohne klares Wollen. Die Aufmachung selbst allerdings behagte mir nicht. Wein spielte eine große Rolle für recht viele.
In der Vorkriegszeit hatte zu den Gästen des Restaurants Hiller, eines kleinen Restaurants Unter den Linden 62/63, nahezu der gesamte deutsche Hochadel gezählt (Wiki). Bei diesem Anlaß traf Ludendorff nun auch, wie er berichtet, den Konsul Salomon Marx (1866-1936) (Wiki). Er finanzierte damals die Freikorps (1, S. 52):
Was mich besonders erstaunte, war der Umstand, daß ich in diesem Kreise den judenblütigen Konsul Marx antraf, der, wie ich später hörte, das Freikorps Reinhard "finanziert" hat. Konsul Marx hat mich einmal in Pleß besucht, ich habe ihn dann auch später gesehen. Er war eine Persönlichkeit, die, wie mir schien, bestimmte Ziele verfolgte, ohne daß ich sie recht erkannt hatte. Heute ist es mir klar, daß er einer der Juden war, die in sogenannten rechtsgerichteten Kreisen Einfluß zu gewinnen hatten, um diese nach dem Willen des Juden zu leiten. Ging es nicht durch Geheimorden, so ging es durch wirtschaftliches Abhängigmachen der Rechtsbewegung und durch Bildung von "Organisationen", in denen dann die Geheimorden bequem wirken konnten.

Abb. 1: "An die Kurzsichtigen - Ihr sucht die Wahrheit? Wenn sie aber erscheint, wünscht ihr sie zu allen Teufeln" - Karikatur im Kladderadatsch, November 1919

Ludendorff erhielt zwar in seiner Berliner Wohnung in der Viktoriastraße viele Besuche, etwa von den Söhnen des Kaisers Wilhelm II. oder von Prinzen anderer vormals regierender Häuser in Deutschland (1, S. 54). Aber, so Ludendorff weiter (1, S. 55):
Sehr viele Bekannte blieben auch aus und mieden mich ängstlich. Hierunter recht viele Offiziere der früheren Obersten Heeresleitung.
Im Generalstabsgebäude, das er damals für eine Unterredung mit dem Oberst von Mertz aufsuchte, sei er "beinahe frostig begrüßt" worden:
In der Tat trennte mich damals schon eine Welt von früheren Kameraden, deren Charakter sich in der Revolutionszeit so wenig bewährt hatte.
Sein ehemaliger Reserveoffizierskamerad aus dem Seebataillon, Rudolf Hofmann, war aber Ludendorff gegenüber offenbar nicht frostig eingestellt. Zwar hatte dieser die Verlagsbuchhandlung seines Vaters schon im Jahr 1881 übernommen gehabt (Wiki). Offenbar tat er aber auch noch danach zeitweise Dienst als Reserveoffizier im Seebataillon und hatte dabei den Leutnant Ludendorff kennengelernt (2, S. 192). Als Leutnant war Ludendorff dann Ende der 1880er Jahre mehrmals in Hofmann Grunewaldvilla zu Besuch, wenn er in Berlin weilte. Und das tat er ja häufig, schließlich lebten seine Eltern und Geschwister in Berlin. Bei diesen Besuchen hatte Ludendorff flüchtig auch den im Haus von Hofmann lebenden Schriftleiter der Zeitschrift "Deutsche Rundschau" (Wiki) kennengelernt: Paul Lindenberg (1859-1943) (Wiki) (2, S. 192). Über dessen Erinnerungen sind die hier genannten Zusammenhänge überliefert und sie bilden die Grundlage für den vorliegenden Blogbeitrag (siehe auch Anhang ganz unten). Der "Kladderadatsch" war ja damals längst eine Institution im politischen und kulturellen Leben Berlins geworden. Mit seinen zahlreichen, bekannten Karikaturen im war er im Laufe der Jahre zu einem Bismarck-treuen Wochenblatt geworden, zu einem Wochenblatt, durch das Bismarck oft überhaupt erst für viele Menschen bekannt und volkstümlich geworden ist (siehe z.B. Bildersuche). - Nur die vielleicht berühmteste Bismarck-Karikatur, nämlich "Der Lotse geht von Bord" (Wiki), ist nicht im "Kladderadatsch" erschienen, sondern am 29. März 1890 im britischen Magazin "Punch". Aber ansonsten sind auch in den Wikipedia-Artikel zu Bismarck mehrere erläuternden Karikaturen aus dem "Kladderadatsch" eingestellt worden.

Seine Rolle als "Institution" behielt das Wochenblatt auch noch nach dem Ersten Weltkrieg bei. Zum Stammtisch des "Kladderadatsch" gehörte zum Beispiel auch der einstmals von Kaiser Wilhelm II. sehr favorisierte und protegierte Theaterdichter Joseph von Lauff (1855-1933) (Wiki), der, bevor er Schriftsteller wurde, ebenfalls zwanzig Jahre lang Berufsoffizier gewesen war. Es handelte sich bei den Angehörigen dieses Kreises um patriotische, kaisertreue Schriftsteller und Künstler im Stil der Vorkriegszeit, die bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch alle ihre Anstrengungen in den Dienst der deutschen Kriegsführung stellten. Auch "Dr. Toeche", also Konrad Toeche-Mittler (1869-1954) (Munziger), der damalige Inhaber des Verlages E.S. Mittler & Sohn, des bedeutendsten Berliner Militärverlages, in dem 1919 auch die "Kriegserinnerungen" Erich Ludendorffs erscheinen sollten, gehörte zum Bekanntenkreis von Paul Lindenberg und wird in seinen Erinnerungen erwähnt (2, S.  105)

Gleich am Anfang des Krieges nahm Lindenberg 1914 als Kriegsberichterstatter an der Schlacht bei Tannenberg teil (2, S. 179-183). Hier traf er den ihm nur flüchtig von früher her bekannten "Leutnant" Ludendorff nun in ganz anderer Stellung wieder. (Siehe mehr dazu unten im Anhang dieses Blogbeitrages.) von Lauff wurde ebenfalls Kriegsberichterstatter. Und so wie auch die Münchner bekannte satirische Zeitschrift "Simplicissimus" mit Olav Gulbransson und Ludwig Thoma (1867-1921) (Wiki) all ihre Anstrengungen in den Dienst der Kriegsführung stellte (3), so tat dies natürlich auch der "Kladderadatsch".

Und so wie Erich Ludendorff Ende Juli 1921 Ludwig Thoma besuchte zur politischen Aussprache (3), so fand er natürlich auch schon zwei Jahre zuvor in Berlin im Umkreis des "Kladderadatsch" viele politische Freunde. Seit 1909 war Schriftleiter des "Kladderadatsch" Paul Warncke (1866-1933) (Wiki) gewesen, der in dieser Zeit zahlreiche patriotische Gedichte veröffentlichte, auch auf Hindenburg und Ludendorff.

Der Stammtisch des "Kladderadatsch" versammelte sich jedes Jahr zum 1. März, um an diesem Tag des Geburtstag es von Otto von Bismarck zu gedenken. Das Lokal des Stammtisches waren die Trarbach'schen Weinstuben in Berlin-Charlottenburg, also vielleicht ein ähnliches Lokal wie das schon von Ludendorff genannte "Hiller". Und dort spielte natürlich - so wie bei Hiller - ebenso der Wein eine große Rolle. Viele der Schriftsteller dieses Kreises gehörten einer Generation an, die etwa zehn bis sechs Jahre vor Erich Ludendorff geboren worden ist. Und in diesem Kreis sah sich nun auch Erich Ludendorff wohlwollend emfangen (was dieser in seinen Lebenserinnerungen aber - als ihm wohl zu unerheblich - nicht erwähnte).

3. April 1919 -  Ludendorff in Trarbach's Weinstuben


Schriftsteller Lindenberg jedenfalls berichtet über den "Kladderadatsch"-Stammtisch (2, S. 119f):
Nach Kriegsende fanden sich an unserem Tisch so manche Mitkämpfer ein, an erster Stelle neben Ludendorff sein unermüdlicher Helfer im Osten und Westen, General der Infanterie von Eisenhart-Rothe. (...) Fregattenkapitän Bogislaw von Selchow erzählte von dem Ringen bei Skagerrak und den heißen Kämpfen in Flandern. Seine Kriegsdichtungen gehörten zu den besten der Zeit. (...) Drei andere Freunde vertauschten den Waffenrock mit dem bürgerlichen Kleid: Joseph von Lauff, der liebe rheinische Poet, Paul Oskar Hoecker (...) und Walter Bloem.
In dem Ludendorff-Kapitel seiner Lebenserinnerungen berichtet Lindenberg (2, S. 195):
Erst nach dem Krieg sah ich in Berlin Ludendorff wieder. Da mögen einige Tagebuchaufzeichnungen folgen: 3. April 1919. Abends am "Kladderadatsch"-Tisch in Trarbachs Weinstuben, General Ludendorff als Gast. Großer Besuch, viele befreundete Schriftsteller, Künstler, Reichstagsabgeordnete, Offiziere. Ludendorff sitzt zwischen Rudolf Hofmann und mir, sein schmales, energisches Gesicht von gesunder Färbung, die schlanke Figur straff, jeder Zoll Soldat. Nach dem kurzen gemeinsamen Essen hält Paul Warncke, der so manch packendes Gedicht im "Kladderadatsch" Hindenburg und Ludendorff gewidmet hatte, eine zündende Ansprache an den gefeierten Gast.
Ludendorff sei während der Rede sehr nervös gewesen, habe Brotkrümelchen gerollt und sei dann sofort zur Antwort-Rede aufgestanden (2, S. 195):
Er erwähnt zunächst, daß er seit dem 26. August vergangenen Jahres zum erstenmal wieder im Kreise nationalgesinnter Männer weile und welche Freude ihm dies bereite, eine Genugtuung für manche Enttäuschung. Sein Tun und Handeln sei von bestimmter Seite oft falsch ausgelegt worden, aber er möchte hier eins hervorheben: Als er zu Beginn des Krieges das Lied singen hörte "Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand, Dir Land voll Lieb und Leben, mein deutsches Vaterland", da habe ihn dies tief ergriffen und er habe sich im Stillen gelobt, nur dem deutschen Vaterlande zu dienen, dessen Wohl und Gedeihen seine ganze Kraft zu widmen! Das habe er gehalten und er werde es ferner halten, wenn dies das Vaterland wünsche. Sein dreifaches Hoch gälte dem deutschen Vaterland!
Dieses Lied gilt tatsächlich als das "Lieblingslied des Feldherrn", insofern zeigt diese Angabe, daß die Erinnerungen von Paul Lindenberg recht zuverlässig sein werden. Auch an anderen genannten Umständen ist das erkennbar (etwa daß Ludendorff ihm von seiner persönlichen Begegnung mit dem älteren Moltke erzählte). Lindenberg berichtet weiter (2, S. 195f):
Im Laufe des Abends unterhielt ich mich viel mit Ludendorff, der auch von unserem Zusammensein in Kreuznach sprach: "Damals bestand noch die feste Hoffnung auf ein glückliches Ende des großen Kampfes. Wir hatten ja unsere Ansprüche zurück geschraubt, aber ohne Siegespreis wollten wir nicht nach Haus heimkehren. Amerika machte uns einen unerwarteten Strich durch die Rechnung. Wir wären jedoch auch mit ihm fertig geworden, mit unserem unvergleichlichen Heer, wenn die Heimat Stand gehalten hätte - nur wenige Monate noch!" Ich erkundige mich nach seinem Kriegsbuch, das erst Anfang Juli erscheinen würde, ein starker Band von sechshundert Seiten: "Das Werk hat mir viel Arbeit gemacht, ich habe in Schweden von 7 Uhr früh bis 1 Uhr nachts daran gearbeitet." Sprechen von Hindenburg. Ludendorff: "Er ist sehr alt geworden, verstehe kaum, daß er noch aushält, hat die Zeit zum guten Abgang verpaßt. Seine Frau hat großen Einfluß auf ihn."
Hindenburg arbeitete ja damals immer noch in der "Obersten Heeresleitung", die inzwischen in Kolberg ansässig geworden war. Ludendorff habe weiter ausgeführt, so Lindenberg (2, S. 196):
Dann: "Die heftigen Angriffe gegen mich haben mich zuerst sehr erschüttert, jetzt habe ich mein seelisches Gleichgewicht wieder gefunden. Hoffentlich rafft sich das Bürgertum endlich auf, um sich der bolschewistischen Strömungen zu erwehren. Nach meiner Ansicht hat die schlechte Ernährung viel zur Entnervung weiter Volkskreise beigetragen."
Die öffentlichen Angriffe gegen Ludendorff durch führende damalige Regierungsmitglieder beschäftigen Ludendorffs damals sehr und er nahm in mehreren Schriften dazu Stellung.


Abb. 2: Paul Lindenberg - Unter Hindenburgs siegreichen Fahnen (1918)

April bis August 1919 - Erich Ludendorff im "Kollegen-Kreis"


Da Lindenberg ein Buch über Hindenburg schreiben wollte, besuchte er Ludendorff am Vormittag des 29. April 1919 in der Viktoriastraße 26, wo Ludendorff inzwischen - zunächst nur als vorübergehend gedacht - eine Wohnung bei der Schwiegermutter Newman seines ehemaligen Mitarbeiters von Treuenfeld gefunden hatte. Dort unterhalten sie sich zunächst darüber, ob Ludendorff nicht in Berlin-Lichterfelde eine Wohnung finden könne (2, S. 196f):
Ich gebe Ludendorff einige meiner Kriegsschriften und die in großer Auflage erschienene Erzählung "Unter Hindenburgs Fahnen". Ludendorff weist auf den farbigen Umschlag hin, der Hindenburg und ihn hoch zu Roß zeigt: "Das ist historisch unrichtig. Hindenburg ist während des ganzen Feldzuges nie aufs Pferd gestiegen, ich nur sehr selten, wir machten alle Fahrten mit dem Auto."
Von dem Militärmaler Carl Röchling (1855-1920) (Wiki), der dieses Bild gemalt hat (4), ist bis heute bekannt geblieben sein Gemälde "The Germans to the Front" aus dem Jahr 1900. Das Bild, von dem hier die Rede ist, ist offenbar im Internet nicht zugänglich. Allerdings wurden Hindenburg und Ludendorff von Kriegsmalern damals häufiger zu Pferde gemalt, zumal am Anfang des Krieges im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen an der Ostfront (5). Unter anderem sagte Ludendorff in diesem Gespräch auch über die Folgen der Revolution:
"Alle unsere sittlichen Begriffe sind ins Wanken gekommen, das Rechtsempfinden wird vergewaltigt."
Am 23. August 1919 besuchte Paul Lindenberg Ludendorff erneut. Sie unterhalten sich über den großen Erfolg von Ludendorffs Kriegserinnerungen (2, S. 197f):
Auf eine weitere Frage nach neuen Plänen erwidert er: "Ich habe noch nichts Bestimmtes beschlossen, bin vorläufig hier gut aufgehoben. Wer kann unter den jetzigen Zuständen und Umständen schon Pläne für die Zukunft fassen!"
Für den 29. August 1919 hatte Rudolf Hofmann einen kleinen Freundeskreis zur Pfirsichbowle in den Grunewald, Hagenstraße 9 eingeladen mit der abschließenden Bemerkung "Übrigens kommt Ludendorff!" Lindenberg berichtet (2, S. 198):
Im Freien, nahe dem Wald, war gedeckt, aber ein Gewitter trieb uns ins Haus.
In den Tischreden wurde der Schlacht von Tannenberg vor fünf Jahren gedacht. Ludendorff
erwähnte die ernsten Zeiten und daß er das feste Vertrauen in bessere habe, gab seiner Freude Ausdruck, in diesem von treuem vaterländischem Geist erfüllten Kreise weilen zu können, er sei jetzt durch sein Buch Kollege von uns geworden, er leere sein Glas auf das Wohl dieser Runde nationalgesinnter Männer.
In diesem Kreis mag Erich Ludendorff dann auch Joseph von Lauff begegnet sein. Und dadurch ordnet sich ein Geschenk weitaus besser in seine Biographie ein als uns das bislang verständlich erschienen war, nämlich der Umstand, daß Joseph von Lauff Ludendorff zu Weihnachten 1932 eines seiner Werke schenkte (6).

So wie hinsichtlich des "Simplicissimus" (3) wäre es sicherlich auch einmal interessant zu recherchieren, welche Stellungnahmen es von Seiten des "Kladderadatsch" zu dem weiteren Lebensweg von Erich Ludendorff gegeben hat. (Siehe dazu UB Uni-Heidelberg, bzw. Digi.UB.Uni-Heidelberg.) Vermutlich war der "Kladderadatsch" aber nicht so sehr mit Ludendorff beschäftigt wie der "Simplicissimus", da Ludendorff ja schon 1920 von Berlin nach München umzog. 1922 jedenfalls veröffentlichte er ein "Interview" mit Erich Ludendorff (GB). Unter "Sensationelles von Ludendorff" erschien ein Witzgedicht darüber, daß der Historiker Delbrück unter den Ahnen Ludendorffs eine jüdische Großmutter entdeckt habe (GB). Delbrück hatte ja Ludendorffs Kriegsführung außerordentlich scharf kritisiert.

Im Anhang seien die Passagen in den Lebenserinnerungen von Paul Lindenberg zu Erich Ludendorff  noch etwas detaillierter dokumentiert.

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  1. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1940
  2. Lindenberg, Paul: Es lohnte sich, gelebt zu haben. Erinnerungen. Vorhut-Verlag Otto Schlegel, Berlin 1941 (370 S.) (GB)
  3. Bading, Ingo: Die Ludendorff-Bewegung im Spiegel des "Simplicissimus". Studiengruppe Naturalismus, 11. Februar 2012, http://studiengruppe.blogspot.de/2012/02/die-ludendorff-bewegung-im-spiegel-des.html
  4. Lindenberg, Paul: Unter Hindenburgs siegreichen Fahnen. Erzählung aus dem Weltkrieg 1914/15. Mit mehrfarbigem Umschlagbild von C. Röchling und Innenbildern von Willy Werner und A. Roloff Person. Paul Schreiter Verlag, Berlin [1918] (269 S.)
  5. Bading, Ingo: Ludendorff-Verehrung zwischen "Kunst, Kitsch und Krempel". Studiengruppe Naturalismus, 10. März 2013, http://studiengruppe.blogspot.de/2013/03/ludendorff-verehrung-im-bereich-von.html
  6. Bading, Ingo: "Gott ansehen mit klaren, fröhlichen, deutschen Augen". Der niederrheinische Schriftsteller Joseph von Lauff als Verehrer Erich Ludendorffs (1932). Studiengruppe Naturalismus, 23. Dezember 2010, http://studiengruppe.blogspot.de/2010/12/gott-ansehen-mit-klaren-frohlichen.html
  7. Ludendorff, Erich: Mein militärischer Werdegang. Blätter der Erinnerung an unser stolzes Heer. Ludendorffs Verlag, München 1935

Montag, 28. August 2017

Ein unbändiger Wille zum Sieg und zum Überleben des deutschen Volkes

Ein kraftvolles Lied Otto Reutters, des Berliner "Charly Chaplin's", aus dem Oktober 1915

Einer sehenswerten Fernsehdokumentation des Jahres 2011 (1) kann man entnehmen, daß dem Berliner Kabarettisten, Blänkel- und Couplet-Sänger Otto Reutter (1870-1931) (Wiki) als Humorist die gleiche Weltbedeutung zugesprochen wird wie dem zeitgleich in München wirkenden Karl Valentin und dem zeitgleich in New York wirkenden Charly Chaplin. 

Leider können die Lieder dieses Otto Reutter leicht zu Ohrwürmer werden. Und diese Eigenschaft kann man dann doch als ein Merkmal für nicht besonders hohes musikalisches Niveau erachten. Dennoch kann mancher Liedtext als ein außerordentlich eindrucksvolles Zeitzeugnis dienen (Otto-Reutter). So insbesondere sein Lied "Nur Geduld" aus dem Oktober 1915 (Yt). In ihm spiegelt sich die damalige Kriegslage und die Stimmung im deutschen Volk sicherlich sehr gut wieder. Der Text dieses Liedes lautet:
Nur Geduld, nur Geduld, nur Geduld,
Wenn mal 'ne Pause kommt, die Deutschen sind nicht schuld.
Nur Geduld, wenn mal 'ne Kugel nicht gleich knallen will,
Nur Geduld, wenn mal 'ne Festung nicht gleich fallen will,
Nur Geduld, wenn sie sich etwas länger hält,
Weil 'se später doch auf alle Fälle fällt.
Nur Geduld, wenn nicht sofort ein Sieg zu haben ist,
Nur Geduld, wenn unser Heer im Schützengraben ist,
Nur Geduld, wenn uns're tapfere Armee
Schwingt zur rechten Zeit sich in die Höh, juchhe!
Nur Geduld, nur Geduld, nur Geduld,
Wenn mal 'ne Pause kommt, die Deutschen sind nicht schuld.
Solang ein Kämpfer noch wohlauf ist,
Solang ein Degen noch am Knauf ist,
Solange noch ein Schuss im Lauf ist,
Solang geht Deutschland nicht zu Grund!
Nur Geduld, wenn uns der Sturmwind um die Ohren weht,
Nur Geduld, wenn mal 'ne Kolonie verloren geht,
Nur Geduld, wenn der Japaner höhnisch grinst,
Denn wir holen alles wieder gut verzinst.
Nur Geduld, wenn mal der Brite was erreichen will,
Nur Geduld, wenn der Franzose nicht gleich weichen will,
Nur Geduld, kommt auf uns zu ein Russentrupp,
Schließlich krieg'n se doch 'n schönen Jruss von Krupp.
Nur Geduld, nur Geduld, nur Geduld,
Wenn mal ne Pause kommt, die Deutschen sind nicht schuld.
Solang ein Luftschiff im Verkehr ist,
Solang noch ein Soldat im Heer ist,
Solang ein Kreuzer noch im Meer ist,
Solang geht Deutschland nicht zu Grund!
Nur Geduld, wenn auch die Deutschen mal zurücke geh'n,
Nur Geduld, wenn sie nicht gleich durch Dünn und Dicke geh'n,
Nur Geduld, zur rechten Zeit, da kehr'n se um,
Geh'n energisch vor, dann weiß der Feind, warum.
Nur Geduld und nicht gleich sagen, "Nein, so geht das nicht",
Nur Geduld, wer nicht dabei ist, der versteht das nicht,
Nur Geduld, wer täglich lauert auf'nen Sieg,
So ein Schaf hat keene Ahnung von 'nem Krieg.
Nur Geduld, nur Geduld, nur Geduld,
Wenn mal ne Pause kommt, die Deutschen sind nicht schuld.
Solange noch die Erde rund ist,
Solang ein Gott mit uns im Bund ist,
Solang ein deutscher Arm gesund ist,
Solang geht Deutschland nicht zu Grund!
                                                             Otto Reutter
Otto Reutter
Aus diesem Liedtext spricht ein ungebärdiger und unbändiger, unverwüstlicher, kraftvoller Wille zum militärischen Sieg und zum politischen und militärischen Überleben Deutschlands als Großmacht. Man spürt deutlich: Für den Sänger würde die Weltgeschichte ihren Sinn verlieren, wenn Deutschland aus diesem Krieg mit einer entscheidenden Niederlage hervor ginge. Und das sind in der Tat sehr, sehr ungewohnte Töne für heutige deutsche Ohren. Und gerade deshalb wurde diesem Lied dieser Blogbeitrag gewidmet. Dieser unbändige Wille zum Leben und zum Überleben als Volk und als Kultur, auch als politische Großmacht und die Selbstverständlichkeit, mit der sie zum Ausdruck gebracht werden - sie muten erschütternd an aus dem Erlebnis heutiger Zeitläufte heraus. Aber darf ein Volk eine andere innere Haltung haben als jene, die hier zum Ausdruck gebracht wird? Und: Wenn es eine solche Haltung aufgibt, kann es dann langfristig als Volk überleben, zumal wenn kraftvolle Mächte am Werk sind, Völker als solche zu zerstören und zu vernichten?

Das ist wohl kaum möglich. Die Haltung von Otto Reutter aus dem Oktober 1915 ist für ein Volk wie das deutsche in der Lage, in der es sich damals befand, schlichtweg alternativlos. Und jeder, der etwas länger darüber nachdenkt, weiß das.

Für Otto Reutter selbst sollten das alles nicht nur Worte bleiben. Im Mai 1916 verlor er seinen eigenen Sohn in der Schlacht von Verdun. Ganz richtig wird über die Lieder von Otto Reutter vermerkt (Hans-Werner Kühl, 2006):
Chronologisch geordnet, vermitteln Reutters Couplets aufschlußreiche Einblicke in das gesellschaftliche Leben der Zeit wilhelminischer Hochkonjunktur. Im Unterschied zu Kabarettisten wie Rudolf Nelson u. a., die überwiegend für das Amüsement der mondänen Welt schrieben, wandte sich Otto Reutter mehr den alltäglichen Ereignissen und dem Leben der werktätigen Schichten zu.
Es gibt auch viele Lieder von ihm, die die Zeitstimmung nach dem Ende des Ersten Weltkrieges einfangen. Im August 1919 sang er über die "Kriegsgewinnler" (Yt). Im Oktober 1920 sang er ein nachdenkliches Lied über die "gute, alte Zeit" vor 1914, die damals noch ganz nah war: "Ich möcht erwachen beim Sonnenschein" (Yt). Im gleichen Monat sang er das ironische "Seh'n Sie, darum ist es schade, daß der Krieg zu Ende ist". Nach Einführung der Rentenmark 1924 sang er "Man wird ja so bescheiden" (Yt). Bis an sein Lebensende im Jahr 1931 hielt "Reutters schöpferische Unruhe" an, wie es heißt:
Reutters Monatsgagen erreichten bald Caruso'sche Höhen. Sein Fleiß blieb indes der gleiche.

Hintergrundmächte brauchen lange, die Völker entnervende  und "ermattende" Kriege


Der oben angeführte Liedtext, der in ihm zum Ausdruck gebrachte ungebärdige Siegeswille, aber auch viele andere Inhalte machen nachdenklich und lassen auch noch eine etwas grundlegendere geschichtlich Einordnung zu. Heute ist ja erahnbar und erkennbar, daß der Erste Weltkrieg - ebenso wie der Zweite - von den Hintergrundmächten, die bis heute die Kriege weltweit schüren, nicht nur zum Ausbruch gebracht worden ist, sondern auch am "Laufen" gehalten worden ist über vier Jahre hinweg dadurch daß man die beiderseitigen Kräfte jeweils gut im Gleichgewicht zueinander gehalten hat.

So schlug man den Deutschen durch das "Wunder an der Marne" im Herbst 1914 den Sieg aus den Händen. Dadurch, daß man Ludendorff Ende August 1914 den Oberbefehl in Ostpreußen gab, schlug man auch den Russen den dortigen sicheren Sieg aus den Händen. 

Weiterhin verlängerte man den Krieg dadurch, daß man nun auf deutscher Seite erst im Herbst 1916 Erich Ludendorff den Oberbefehl über die deutsche Gesamtkriegsführung gab. Hätte er ihn früher erhalten, wäre der Krieg wesentlich früher - durch einen deutschen Sieg über Rußland - zu Ende gewesen. Wäre er nur wenig später ernannt worden, wäre der Krieg wahrscheinlich ebenfalls - und zwar durch einen alliierten Sieg - zu Ende gewesen. Dann hätte es aber hinwiederum nicht zur Oktoberrevolution in Rußland kommen können. Auch das Ringen zwischen der "Ermattungsstrategie" von Falkenhayns und der "Vernichtungsstrategie" Ludendorffs gehört in diese Zusammenhänge und kann dem Liedtext zugeordnet werden. Der Liedtext reagiert auf die diffusen Stimmen, daß doch mit entscheidenden Schlägen der Krieg zügig zu Ende gebracht werden müsse - was in der Tat Ludendorffs Vernichtungsstrategie entsprach. Und der Liedtext versucht die Zuhörer darauf einzustimmen, daß die Ermattungsstrategie von Falkenhayns eben auch Rückschläge mit sich bringen müsse.

Man brauchte und braucht lange und die Völker schwächende und entnervende - "ermattende" - Kriege. Man braucht auch emotionale patriotische Höhenflüge (1933 bis 1938), die man dann in noch viel emotionaleren Tiefschlägen im tiefsten Kern "zusammen schlagen" muß (1945). Und nach so vielen emotionalen Extremsituationen wird man den ungebärdigen Lebenswillen eines Volkes, der im Oktober 1915 in dem Lied Otto Reutters noch so kraftvoll zum Ausdruck gekommen war, restlos zerschlagen haben. Natürlich inklusive Vergewaltigung des Volkes, Zerteilung des Volkes, vierzigjähriger Besatzungsherrschaft mit einhergehenden Indoktrinierungen und Umerziehungen. Welches große Volk der Weltgeschichte hat ein solch erschütterndes Schicksal hinter sich wie das deutsche Volk seit 1914? Sein Lebenswille ist zerschlagen mit Stumpf und Stil. Es befindet sich - wie alle Völker - in der Eisenklammer mehrerer haßvoller Hintergrundmächte. Und ihre Herrschaftsmethoden sind die ausgefeiltesten der Weltgeschichte.

Woher in dieser Situation noch den ungebärdigen Lebenswillen eines Otto Reutter hernehmen? Wenn sich unter den Deutschen selbst nicht eine Sehnsucht ausbreitet nach einem besseren Deutschland, nach einer besseren Welt - wo dann? Eine Sehnsucht, die sich nicht zerschlagen und zersetzen läßt, von keiner noch so ausgefeilten Herrschaftstechnik der Hintergrundmächte. Damit sich eine solche Sehnucht ausbreiten kann, und damit ausreichend Kenntnisse vorhanden wären, um alle Zersetzungsversuche zu durchschauen, wäre es wichtig, daß sich jene Kräfte, die das Volk erhalten wollen, auf eine Losung einigen. Es muß eine Losung sein, die - wenn sie einmal gewonnen ist - nur noch schwer manipulierbar ist. Es kann sich dabei nur um eine Losung handeln, die auf den ersten Blick ähnlich merkwürdig schief im heutigen deutschen Gefühlsraum steht wie das heute von Otto Reutters Lied aus dem Oktober 1915 gesagt werden muß.



/zuerst veröffentlicht 26.12.2016;
hinsichtlich der Lieddeutung 
stark erweitert:
28.8.2017/

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  1. Lebensläufe - Otto Reuter. Ein Film von Hans-Jürgen Teske und Heike Stejskal. 30 Min., MDR 2011, https://www.youtube.com/watch?v=ndQeTS9IUIo

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